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Anima Mundi: Die Seele der Welt Erwecken
Llewellyn Vaughan-Lee
(aus: Sufi, Issue 67, Autumn 2005, p.28ff)
Gott erlöst die Menschheit, aber die Natur muss von menschlichen
Alchemisten erlöst werden,
die in der Lage sind, den Prozess der Transformation einzuleiten, der
allein die Fähigkeit besitzt, das Licht, das in der physischen Schöpfung
gefangen ist, freizusetzen.1
Die Welt ist ein lebendiges spirituelles Wesen. Dies vertraten die alten
Philosophen und die Alchemisten, die von der spirituellen Essenz der Welt
als der Anima Mundi, der „Weltseele“, sprachen. Sie
betrachteten die Weltseele als reinen ätherischen Geist, der die
ganze Natur durchdringt, als die göttliche Essenz, die alles Leben
im Universum umfasst und energetisiert.
Im Laufe der Geschichte hat sich unser Verständnis von der Welt als
einem lebendigen Wesen mit einer spirituellen Essenz dramatisch verändert.
Plato war der Auffassung, dass „der Kosmos eine einzige Lebende
Kreatur ist, die alle lebenden Kreaturen in sich birgt.“ 2 Während
diese Tradition durch die Gnostiker und später durch die Alchemisten
weiter gegeben wurde, stellten sich die Kirchenväter die Welt als
weder göttlich noch heilig vor. Eine transzendente Göttlichkeit
war die Quelle aller Schöpfung, und die Menschheit lebte, vom Himmel
ausgeschlossen, im Exil, in einem Zustand der Sünde. Diese Doktrin
schuf eine Trennung zwischen Materie und Geist, die bewirkte, dass die
Welt als getrennt von ihrem Schöpfer gesehen wurde.
Die Anschauung, dass die Welt heilig ist, tauchte in den folgenden Jahrhunderten
immer mal wieder auf. Mit dem Aufleben der Gotik im zwölften Jahrhundert
- und später in der Renaissance - wurde die erschaffene Welt für
einen kurzen Zeitraum durch den Blickwinkel der Idee der Weltseele betrachtet.
Die Baumeister der Gotik haben in ihren Kathedralen ihre Vision von einer
heiligen Ordnung innerhalb der Schöpfung widergespiegelt, die zu
diesem weiblichen göttlichen Prinzip gehört. Die Weltseele belebte
und formte die Natur göttlichen Proportionen entsprechend, die die
Baumeister, Maurer, Bildhauer und Glasmacher dann in ihren Schöpfungen
darstellten. 3
Während der Renaissance wurde die Natur wieder kurz als ein lebendiges
spirituelles Wesen betrachtet.
„Während die mittelalterliche Theologie Gott in eine völlig
transzendente Sphäre gerückt hatte, war für die Platoniker
der Renaissance die Natur von Leben, von Göttlichkeit und numinosem
Geheimnis durchdrungen, ein vitaler Ausdruck der Weltseele und der lebendigen
Kräfte der Schöpfung. Mit den Worten von Richard Tarnas: ‚Der
Garten der Welt war wieder verzaubert mit magischen Mächten und
transzendenten Bedeutungen, die jedem Teil der Natur innewohnten’“
4
In der Renaissance wurde die Weltseele als spirituelle Essenz innerhalb
der Schöpfung betrachtet, die das Entfalten des Lebens und des Kosmos
leitet. In den Worten des Renaissance-Philosophen Giordano Bruno „erleuchtet
die Weltseele das Universum und dirigiert die Natur, ihre Spezies in der
richtigen Weise hervorzubringen.“5 Die Weltseele war auch das kreative
Prinzip, das die Renaissancekünstler in ihren Werken zum Ausdruck
bringen wollten. Ihre Kunst basierte auf denselben heiligen Proportionen,
die sie in der Natur sahen, und sie verstanden die Imagination als eine
magische Kraft, die die „Energien der Anima Mundi herbeilocken
und kanalisieren kann.“
Die Renaissance hat uns großartige Wunder der Kunst und der Ideen
hinterlassen. Es war jedoch nur eine kurze Blütezeit. Die orthodoxen
Strömungen der Kirche etablierten wieder die Trennung zwischen Materie
und Geist, und die aufstrebenden Wissenschaften führten dazu, dass
die natürliche Welt als eine Maschine betrachtet wurde, deren seelenloses
Funktionieren von den Menschen rational verstanden und beherrscht werden
konnte. Die magische Welt des schöpferischen, vom göttlichen
Geist durchdrungenen Geheimnisses wurde ein Traum, der nur noch bei den
Dichtern und in den Laboratorien und symbolischen Schriften der Alchemisten
fortbestand.
Die Alchemisten fuhren fort, die Anima Mundi zu erforschen. Während
die Kirche das Licht im Himmel suchte, suchten die Alchemisten das in
der Materie verborgene Licht. Sie gingen davon aus, dass es eine heilige
Essenz im Gewebe der Schöpfung gab, welche sie durch ihre Experimente
und Imagination freisetzen wollten. Für die Alchemisten ist die Anima
Mundi der göttliche Funke in der Materie, das ‚philosophische
Quecksilber’, welches das ‚universale funkelnde Feuer im Licht
der Natur ist, das den himmlischen Geist in sich trägt’.
Die Alchemie befasst sich damit, Blei in Gold umzuwandeln, indem sie das
Licht befreit, das in der Dunkelheit verborgen ist -- „die feurigen
Funken der Weltseele, d. h. das Licht der Natur… zerstreut oder
versprüht durch die Strukturen der großen Welt hindurch in
alle Früchte der Elemente überall“. 6 Die Alchemisten
nahmen auch an, dass es eine Verbindung zwischen der Anima Mundi
und der Seele oder dem innersten Geheimnis des Menschen gibt. Die Quelle
der Weisheit und das Wissen über die alles durchdringende Essenz
der Anima Mundi war das „innerste und geheimste Numinosum
des Menschen.“7
Im letzten Jahrhundert hat C. G. Jung die Weisheit des alchemistischen
Opus wieder entdeckt, und er zeigte auf, wie alchemistische Symbole
den Prozess der inneren Transformation veranschaulichen, der dieses verborgene
Licht befreien kann. Jung unterschied zwischen zwei Arten des spirituellen
Lichts: Lumen Dei, das Licht, das aus dem spirituellen Bereich
eines transzendenten Gottes kommt, und Lumen Naturae, das Licht,
das in der Materie und in den Kräften der Natur verborgen ist. Das
göttliche Licht kann durch Offenbarung und durch spirituelle Übungen,
die uns Zugang zu unserem transzendenten Selbst geben, erfahren werden.
Das Licht der Natur muss, damit es kreativ in der Welt wirken kann, durch
die innere Alchemie freigesetzt werden.
Die Tradition der Alchemie, zurückübersetzt in die Sprache der
inneren Transformation, ist ein Schlüssel, der uns hilft, unser natürliches
Licht zu befreien und die Welt zu transformieren. Das in der Dunkelheit
verborgene alchemistische Licht ist unser eigenes Licht, das auch der
göttliche Funke in der Materie ist. Unser natürliches Licht
ist Teil des Lichts der Weltseele. Das alchemistische Aufschließen
der Materie kann mit der Befreiung oder Erweckung der Weltseele, der Anima
Mundi, in Zusammenhang gesehen werden. Als ein Mikrokosmos des Ganzen
kann der Einzelne direkt an dem alchemistischen Prozess teilhaben, der
dieses Licht befreit -- ein Licht, das benötigt wird, um die Wunder
der Schöpfung zu verstehen und uns zu zeigen, wie man mit ihrer magischen
Natur arbeiten kann. Mit dem Lumen Naturae können wir wieder
erlernen, die Geheimnisse der Natur zu entschlüsseln, so dass wir
für unser Überleben die natürliche Welt nicht länger
attackieren und zerstören müssen.
Die Alchemie ist unsere westliche Tradition der inneren Transformation.
Sufis haben schon immer vom inneren alchemistischen Prozess gewusst.8
Einer der frühen Sufimeister, Dhu-l-Nun, wurde als Alchemist beschrieben,
und ein großer Sufi des zwölften Jahrhunderts, al-Ghazzali,
hat eines seiner wichtigsten Bücher Die Alchemie des Glücks
genannt. Sufis verstanden sich schon immer auf die Alchemie des Herzens,
durch die die Energie der Liebe das Individuum transformiert, damit das
in der Dunkelheit der Nafs, oder des niederen Selbst versteckte
Licht enthüllt wird. Sie entwickelten eine detaillierte Wissenschaft,
so mit den Kammern des Herzens zu arbeiten, dass eine innere Transformation
erreicht wird, die dem Sucher Zugang zum Licht seiner wahren Natur verschafft.
Diese Arbeit ist nicht nur für den Einzelnen gedacht, sondern kann
eine direkte Beziehung zu der ganzen Schöpfung und dem Herzen der
Welt haben. Haben wir erst einmal die mysteriöse Verbindung zwischen
unserer eigenen innersten Essenz und der Seele der Welt erkannt, können
wir die Werkzeuge der inneren Transformation benutzen, um direkt mit der
Weltseele zu arbeiten und der Anima Mundi helfen, ihr göttliches
Licht zu enthüllen und zu erwachen.
WIE OBEN SO UNTEN
C.G. Jungs Schriften über die Alchemie haben bewirkt, dass wir angefangen
haben, die Natur der inneren alchemistischen Arbeit zu verstehen. Die
Arbeit an dem alchemistischen Blei -- an der Prima Materia, an
dem, was „glorreich und abscheulich, wertvoll und unwesentlich ist
und überall gefunden wird“ 9 -- ist die Arbeit am Schatten,
den abgelehnten und nicht angenommenen Teilen unserer Psyche. Der Stein
der Weisen, das Gold, das aus dem Blei gewonnen wird, ist unsere eigene
wahre Natur, das Selbst. Anstelle einer transzendenten, nicht verkörperten
Göttlichkeit enthüllt die Alchemie ein göttliches Licht,
das in den tiefsten Tiefen unserer Psyche existiert. Dieses in der Dunkelheit
verborgene Licht, das Lumen Naturae, ist auch unser instinktives
Selbst, unsere natürliche Art zu sein, das bis zu seiner Freilegung
von den Mustern der Konditionierung und den Schichten des falschen Selbst
überdeckt ist.
Was ist der Unterschied zwischen dem Licht, das wir in den Tiefen der
Psyche entdecken, und dem Licht unseres transzendenten Selbst, dem wir
in der Meditation oder anderen Erfahrungen für Augenblicke begegnen?
Es ist das selbe Licht, das auf verschiedene Weise erfahren wird.
Die Sufis wissen, dass der Geliebte, die Quelle allen Lichts, sowohl eine
innewohnende als auch eine transzendente Qualität hat. ER, den wir
lieben, ist beides, „uns näher als unsere Halsschlagader“
und „sogar jenseits unserer Idee vom Jenseits“. Das Selbst,
“größer als groß und kleiner als klein“,
hat dieselbe duale Qualität.
Der Yogi, tief in Meditation, und der Alchemist in seinem Laboratorium
suchen das selbe Licht, die selbe göttliche Natur. Alles, was wir
erfahren, hat eine duale Natur, einen männlichen und einen weiblichen
Aspekt, und das ist auch beim Licht des Selbst so. Es kann in seiner männlichen
Form als reines transzendentes Licht erfahren werden, als reines Bewusstsein
ohne die Beschränkungen der Psyche oder der physischen Welt. In der
Meditation können wir unsere ewige und unendliche Natur zuerst kurz
wahrnehmen und später in ihr ruhen und dabei eine Realität erfahren,
die nicht von unserem Körper oder der manifestierten Welt bestimmt
oder eingeschränkt ist. Dies ist eine Realität von Licht über
Licht, unsere farblose und formlose Essenz.
Wir können unserer göttlichen Natur auch in ihrer weiblichen,
verkörperten Form begegnen: als das Licht des Seins, als unsere natürliche
Weisheit, das Gold unserer wahren Natur. In diesem Licht erfahren und
erkennen wir das Göttliche innerhalb der Schöpfung, die Art,
wie sich unser Geliebter in einer Vielfalt an Formen offenbart, wobei
jede Form ein anderer Ausdruck Seines unendlichen Seins ist. Wir erleben,
wie jede Farbe, jeder Geruch, jeder Geschmack, sogar jeder Gedanke und
jedes Gefühl ein einzigartiger Ausdruck des Göttlichen ist.
So erfahren wir Ihn in Seiner Schöpfung anders als im Transzendenten,
wo alles noch nicht entfaltet ist. In dieser Offenbarung erkennen wir,
dass jedes Ding einzigartig ist und dass alle Dinge eins sind, und wir
entdecken die Beziehung der Teile zu dem Ganzen -- das miteinander verknüpfte
Wunder der Schöpfung. Wir sehen das reiche Gewebe des Lebens und
wissen, dass es Ein Wesen ist, das Sich auf so viele Arten offenbart.
Wenn wir nicht im Paradigma der Dualität, unserer ererbten Trennung
von männlich und weiblich und Geist und Materie verharren wollen,
dann müssen wir diese beiden Aspekte gleichermaßen achten.
Wir können es uns nicht länger leisten, den Fußstapfen
der patriarchalischen Kirchenväter zu folgen, und nur ein transzendentes
Licht suchen, nur zum Himmel schauen. Wir müssen auch das Licht erkennen,
das in der Materie verborgen ist, und die Magie der Schöpfung erfassen,
die es offenbart. Es ist notwendig, dass wir die Geheimnisse der Schöpfung
kennen, wie sie in dem heiligsten Text der Alchemisten,der Smaragdtafel,
die Hermes Trismegistos zugeschrieben wird, gefeiert werden:
Was unten ist, ist gleich dem, was oben,
und was oben ist, gleich dem, was unten,
auf dass sich die Wunder des einen Dinges vollziehen. 10
Das in der Materie verborgene Licht ist das eine Licht, das in dem Mysterium
der Schöpfung erfahren wird, der versteckte Schatz, der sich durch
den Tanz der Mannigfaltigkeit enthüllt. Die Schöpfung der manifesten
Welt ist eine Offenbarung der verborgenen Natur des Göttlichen, so
wie es in dem Hadith ausgedrückt wird: „Ich war ein
verborgener Schatz und sehnte mich danach, erkannt zu werden, darum erschuf
Ich die Welt.“ Aber wir können dieses Wunder nur erfahren und
die wahre Natur dieser Offenbarung nur erkennen durch das in der Schöpfung
verborgene Licht. Genauso wie Er Sein Geheimnis in uns versteckt hat --
„Der Mensch ist mein Geheimnis und Ich bin sein Geheimnis“
-- so hat Er Sich in Seiner Schöpfung versteckt. Manchmal, in Momenten
inmitten der Schönheit oder der Pracht der Natur, in der Weite der
Sterne oder der Vollkommenheit des Morgentaus auf einer Blume, erblicken
wir dieses Wunder. Das Licht, das in der Materie versteckt liegt, bricht
durch, und wir stehen in Ehrfurcht vor unserem Schöpfer, so wie es
in den Worten des Dichters Gerard Manley Hopkins wiedergegeben ist:
Geladen ist die Welt mit Gottes Herrlichkeit.
Aufflammen wird sie, wie Glast von gerütteltem Flitter; 11
Durch das Licht können wir zur göttlichen Natur des Lebens
erwachen und die wahre Schönheit Seiner Schöpfung erfahren.
Es gibt nur ein Licht -- „wie oben so unten“ - und dennoch
enthüllt Er sich in Seiner Schöpfung auf eine Weise, wie es
durch Sein transzendentes Licht, das Lumen Dei, nicht geschieht.
Was für den Schöpfer zutrifft, trifft auch auf uns zu, die wir
„in Seinem Bilde erschaffen wurden“. Das Licht, das durch
die Arbeit am Schatten und dem inneren alchemistischen Opus in
den Tiefen der Psyche enthüllt wird, offenbart einen Teil unserer
göttlichen Natur, der einem rein transzendenten Bewusstsein verborgen
bliebe. Wir lernen uns und unseren Geliebten auf eine neue Weise kennen.
Für jeden von uns ist diese Entdeckung einzigartig. Es gehört
zum Wunder der Schöpfung, dass sie jedem von uns eine andere Erfahrung
bietet; sogar der selbe Apfel, von zwei verschiedenen Personen probiert,
wird jeweils unterschiedlich erfahren. Durch Sein Licht können wir
das Leben sehen, wie es wirklich ist, in der Einzigartigkeit unserer eigenen
Erfahrung, und nicht lediglich durch die Schleier unserer Projektionen,
und so die göttliche Einzigartigkeit eines jeden Moments schmecken.
Gleichzeitig erfahren wir diese Einzigartigkeit als Teil einer größeren
Einheit. Wir sehen die Fäden, die alles Leben miteinander verbinden,
wir sehen, wie jeder Teil das Ganze widerspiegelt.
Wer in jedem Teil nicht das Ganze sieht,
Spielt Blinde Kuh;
Ein weiser Mann schmeckt den Tigris in jedem Schluck. 12
VERBINDUNGEN DES LICHTS
In unserem tieferen Wissen erkennen wir diese tiefe Verbundenheit allen
Lebens. Und dennoch haben die Kirche, die wachsende Bedeutung der westlichen
Wissenschaften und der zunehmende Materialismus in unserer Kultur die
Anima Mundi effektiv aus unserer kollektiven Vorstellungswelt
verbannt, bis, mit C.G.Jungs Worten, „Der Mensch selbst aufgehört
hat, der Mikrokosmos zu sein, und seine Anima nicht mehr wesensgleich
mit der Scintilla oder dem Funken der Anima Mundi, der Weltseele
ist.“13 Wie können wir diese Beziehung wiedergewinnen, diese
Verbindung in unserer Imagination und unserer inneren Arbeit wieder erwecken?
Wie können wir unser Licht der Weltseele zurückgeben?
Haben wir erst einmal diese einfache Tatsache, dass wir Teil des Ganzen
sind, anerkannt, wird eine Verbindung zwischen unserem Licht und der Welt
geschaffen. Wir bilden diese Verbindung über unser Bewusstsein und
über unsere Vorstellungskraft; dann beginnt unser Licht durch diese
Verbindung zu fließen. Auf diese Weise setzen wir die Arbeit des
Ganzen in Gang. Diese Verbindungen schaffen Bahnen aus Licht, die sich
ihren Weg durch die Dunkelheit der kollektiven Psyche suchen. So wie in
unserer persönlichen Psyche gibt es Blockierungen und Orte des Widerstandes
gegen diesen Fluss des Lichts. Und es gibt auch Orte der Kraft, Kreativität
und unerwartete Qualitäten.
Die Weltseele ist keine feste, definierbare Substanz, sondern ein lebendiger
Stoff, erschaffen aus den Hoffnungen, Träumen und tiefsten Bildern
der Menschheit und der gesamten Schöpfung. Dies ist das Zuhause der
kollektiven Erinnerung der Schöpfung und der Mythen der Menschheit.
Hier wohnen die Archetypen und Mächte, die unser Leben bestimmen.
Hier gibt es versteckte Orte von magischer Bedeutung, Orte, an denen Träume
ins Sein kommen können. Wir haben so lange in der starren Kahlheit
einer rationalen Landschaft gelebt, dass wir die machtvollen Möglichkeiten
vergessen haben, die unter der Oberfläche liegen. Wenn unser Licht
durch die von unserer bewussten Verbindung zur Anima Mundi geschaffenen
Bahnen fließt, wird es seinen Weg zu den Orten der Kraft, die in
der Welt liegen, finden, Orte, an denen tiefere Schichten von Bedeutung
darauf warten, lebendig zu werden.
Wir sehen zurzeit die materielle Welt als etwas, das von uns getrennt
ist, ein festes, beständiges Objekt ohne Leben oder Magie. Wie die
Wissenschaftler des siebzehnten Jahrhunderts, die entschieden, dass Tiere
keine Gefühle haben und daher ohne zu leiden seziert werden könnten,
fühlen wir uns frei, der Welt unseren Willen aufzudrücken und
sie zu unserem eigenen Nutzen auszuplündern, ohne auch nur einen
Gedanken daran zu verschwenden, wie viel Leid und Schaden wir ihr zufügen.
In unserem materialistischen Treiben gefangen erkennen wir nicht, dass
dieses Bild von der Welt eine Illusion ist, ein substanzloser Traum, der
sich leicht verändern oder auflösen kann, sobald neue Kräfte
ins Spiel kommen. Indem unser Licht seine Verbindungen innerhalb der Weltseele
schafft, wird es einige dieser machtvollen Möglichkeiten aktivieren,
Energien, die darauf warten, die Welt von unserer destruktiven Illusion
zu befreien. Wir wissen, wie das auf unserer eigenen alchemistischen Reise
funktioniert, wie das, was wir unter der Oberfläche finden, unsere
Werte auf unerwartete Weise verändert und sich dann Verbindungen
entwickeln und wie Synchronizitäten auftreten, die vorher unglaublich
gewesen wären. Wenn wir diese Verbindungen herstellen, werden wir
sehen, dass sowohl die Welt wie auch wir selber magischer sind, als wir
denken.
Diese Arbeit, unser Licht mit der Welt zu verbinden, muss nicht durch
eine Massenbewegung oder von Millionen von Leuten gemacht werden. Seit
Jahrhunderten haben ein paar Alchemisten diese Geheimnisse der inneren
Transformation gegen die machtvollen Strömungen der Kirche und der
Gesellschaft lebendig gehalten. Die wirkliche Arbeit geschieht immer durch
eine kleine Anzahl von Individuen. Worauf es ankommt, ist die Intensität
der Mitarbeit: ob wir es wagen, uns wirklich der Arbeit der Seele zu verpflichten.
Anders als die Alchemisten, die in ihren Laboratorien lebten, brauchen
wir unser gewöhnliches, äußeres Leben nicht aufzugeben
-- der normale Alltag kann auch die notwendige Balance bieten und ein
Schutz gegen die seltsamen Verblendungen sein, die so leicht von der inneren
Welt erzeugt werden. Doch wir müssen erkennen, dass eine bestimmte
Arbeit auf uns wartet und dass wir nicht länger an den Außenlinien
stehen und zuschauen können, wie unsere kollektiven Träume außer
Kontrolle geraten.
Unsere Kultur mag uns in unserem individuellen Selbst eingekapselt und
uns von unserem magischen Selbst getrennt haben -- aber auch das ist nur
eine oberflächliche Sinnestäuschung. Wir sind alle miteinander
verbunden und Teil der lebendigen Substanz der Schöpfung. In jeder
Zelle unseres Seins, in jedem Funken unseres Bewusstseins haben wir ein
Wissen von der Einheit. Unsere eigene innere Reise lässt sich nicht
von der Reise des Ganzen ablösen. Eine innere Reise, die vom Ganzen
abgetrennt ist, ist keine wirkliche Reise; sie ist nur eine weitere Illusion,
erzeugt von einem Ego, das sich schützen möchte.
Die Substanz unserer Seele ist Teil des Stoffes des Lebens, des Gewebes
der Schöpfung, in das die Einhörner und Monster unserer Träume
genauso eingewirkt sind wie die Wolkenkratzer unserer Städte. Die
innere und die äußere Welt sind nicht getrennt -- trotz aller
Bemühungen unserer rationalen Kultur, die uns das glauben machen
will. Die aktuellen Schrecken des Terrorismus haben wieder einmal die
Dämonen in unser Wohnzimmer gebracht, und wir spüren, dass es
nirgendwo wirklich Sicherheit vor diesen Schatten gibt. Aber wir müssen
nicht einfach Opfer dieser archetypischen Alpträume sein. Indem wir
die wirkliche Magie, die von innen kommt, wachrufen, können wir daran
arbeiten, das Licht und die Dunkelheit auszubalancieren und schöpferisch
mitwirken, die Träume zu verändern, die unser kollektives Leben
bestimmen.
Das Licht der Weltseele wartet darauf, dass es uns mit den inneren Kräften
verbinden kann, die der Materie und dem Leben selbst angehören. Die
wirkliche Welt ist ein verzauberter Ort voller magischer Kräfte,
die benutzt werden wollen. Und die Anima Mundi ist, wie es die
Alchemisten schon erkannt hatten, eine kreative Kraft: „Sie ist
der Künstler, der Handwerker, die ‚Innere Vision’, die
die Urmasse gestaltet und differenziert, ihr Form verleiht.“14
ZUM SINN DER SCHöPFUNG ERWACHEN
Die Weltseele ist nicht einfach ein psychologisches oder philosophisches
Konzept. Sie ist eine lebendige spirituelle Substanz in uns und um uns
herum. Genauso wie die individuelle Seele den ganzen Menschen durchdringt
-- unseren Körper, unsere Gedanken und Gefühle -- so ist es
die Eigenschaft der Weltseele, in allem gegenwärtig zu sein. Sie
durchdringt die gesamte Schöpfung und ist das vereinigende Prinzip
in der Welt. Der Alchemist und Arzt Thomas Browne hielt sie für „den
Universellen Geist der Natur, die Anima Mundi oder Weltseele,
verantwortlich für alle Phänomene und für das, was alles
Leben verbindet.“ 15 Marsilio Ficino sah die Weltseele überall
wirken:
„Die Seele ist alle Dinge zusammen… Und da sie das Zentrum
aller Dinge ist, hat sie die Kräfte von allem. Daher geht sie in
alle Dinge ein. Und da sie die wahre Verbindung aller Dinge ist, geht
sie in das eine ein, ohne die anderen zu verlassen …deshalb kann
sie rechtmäßig das Zentrum der Natur genannt werden, der
Angelpunkt aller Dinge, das Gesicht von allem, das Band und das Gelenk
des Universums.“ 16
Die Seele der Welt durchdringt die gesamte Schöpfung wie Salz das
Wasser. Die physische Welt ist die dichtere Ebene, und in ihr und sie
erhaltend ist die Wirklichkeit der Seele, die wiederum die Höhere
Intelligenz enthält, die das schöpferische und ordnende Prinzip
des Lebens ist.
Diese göttliche Intelligenz ist in allem. Sie ist der Funke in der
Materie, das Licht im Menschen. Wenn wir uns von unserer eigenen Seele
abtrennen, verwehren wir uns den bewussten Zugang zu diesem Licht, zu
dessen Führung und Intelligenz. Dann wird unser Leben sinnlos und
zwecklos, „ein wandelnder Schatten… nichts bedeutend.“
Verbinden wir uns wieder mit unserer Seele, wird die Magie und Bedeutung
des Lebens von neuem lebendig, sowohl in uns als auch um uns herum.
Unser wirkliches Geschenk an das Leben ist das Bewusstsein von seiner
Bedeutung. Wenn wir uns der Absicht des Lebens gewahr sind, scheint das
Licht unserer Seele in unser Leben, und das Geheimnis dieses in der Welt
verborgenen Lichts wird lebendig. Und das Licht, das in uns ist, ist in
allem; es ist „im Zentrum aller Dinge“. Wenn unser Licht in
uns lebendig wird, wird es in der gesamten Schöpfung lebendig. Es
offenbart der Schöpfung ihren wirklichen Zweck. Zurzeit nimmt unsere
kollektive Kultur das Leben hauptsächlich aus einer materiellen Perspektive
wahr -- wir beten den Gott des Konsums an, machen Kaufen zu unserem Lebensziel.
Wir sind in der Materie gefangen. Wir haben die symbolische und heilige
Bedeutung der äußeren Welt vergessen. Entfremdet von unserer
Seele haben wir die Schöpfung von ihrer tieferen Bedeutung entfremdet.
Und weil wir der Welt ihre Göttlichkeit genommen haben, stirbt sie
langsam.
Die wirkliche alchemistische Arbeit besteht darin, die Schöpfung
aus ihrer Gefangenschaft zu befreien -- das Leben zu seinem Sinn zu erwecken.
Wir müssen das Licht erlösen, das in uns und in der Welt ist.
Ein transzendentes Bild des Göttlichen gibt uns nur Zugang zu einem
transzendenten Licht. Wir brauchen das Licht, das in der Materie verborgen
ist, das Gold, das im Blei ist. Wenn dieses Licht im Leben lebendig wird,
kann es die Muster der Schöpfung ändern und die Formen der Zukunft
schaffen, die das Leben wieder in Harmonie bringen können. Es manifestiert
sich dann seine vereinigende Natur.
Die Alchemisten sahen das Wesen dieses Lichts folgendermaßen:
„ Es ist der Vater aller Wunderwerke
der ganzen Welt…
Seine Kraft ist vollkommen, wenn es in Erde verwandelt worden ist.“17
Wenn diese Kraft in der Welt arbeitet, ist sie das Licht und
die Kraft des manifest gewordenen Göttlichen. Das Licht in unserer
eigenen Psyche ist das Licht in der Anima Mundi. In
der Tiefe von uns selbst entdecken wir diese essentielle Einheit. Das
ist dasselbe Gewahrwerden wie die Erkenntnis des Yogi, dass das eigene
wahre Wesen und unveränderliche Selbst (atman) das Universelle
Selbst (Atman) ist. Was in uns ist, ist in allem. Wenn wir diese
Wahrheit erst einmal erfassen, treten wir aus den Parametern unseres individuellen
Selbst heraus und werden uns der Macht bewusst, die in uns ist. Diese
Verschiebung im Bewusstsein ist ein sehr einfacher Schritt, der tief greifende
Konsequenzen hat.
DIE WELT IMAGINIEREN
Momentan schläft die Welt, erleidet die Träume der Menschheit,
die Alpträume von Entheiligung und Verschmutzung sind. In unserer
Hybris haben wir vergessen, dass die Welt mehr ist als unsere kollektiven
Projektionen, dass sie mysteriöser und eigenartiger ist, als unser
rationaler Verstand uns Glauben machen will. Die Quantenphysik hat eine
flüssige und nicht voraussagbare Welt entdeckt, in der Bewusstsein
und Materie nicht getrennt sind -- ob sich ein Lichtphoton als Teilchen
oder als Welle verhält, hängt vom Bewusstsein des Beobachters
ab. Aber wir verharren in den Vorstellungen der Newtonschen Physik, wo
Materie tot, bestimmbar und fest ist, und Bewusstsein fein säuberlich
von der physischen Welt geschieden wird. Materie und Geist bleiben auf
die Weise getrennt, und wir setzen die patriarchalische Phantasie fort,
dass wir unsere Welt kontrollieren können.
Wie wir bereits gesehen haben, ist die physische Welt nicht immer so von
uns getrennt betrachtet worden. Viele Kulturen haben sich mehr mit der
Beziehung zwischen den Welten befasst. In der Vorstellung des Mittelalters
war die physische Welt nur ein Glied der Großen Kette des Seins.
Die mittelalterlichen Kathedralen verkörperten eine symbolische und
geometrische Beziehung zwischen den verschiedenen Gliedern, so zum Beispiel
in dem Labyrinth, das unsere Reise durch diese Welt versinnbildlicht und
gleichzeitig das Bild des Rosenfensters widerspiegelt, das von einer höheren
Wirklichkeit des Lichts kündet. Im Sufismus von Ibn ´Arabî
sah man die Welten als durch die symbolische Welt der Imagination verbunden,
die als Brücke oder Mittler zwischen der Welt des Mysteriums (´alam
al-ghayb) und der Welt des Sichtbaren (´alam al-shahadat)“
fungiert.
In ihren Retorten und Schmelztiegeln arbeiteten die Alchemisten nicht
nur mit den chemischen Substanzen, sondern auch mit den inneren Energien
des Lebens. In ihren Schriften voller Symbolik beschreiben sie beides:
das Mischen von Tinkturen und die Hochzeit des Königs und der Königin,
die Vereinigung von Sonne und Mond. Die Alchemisten nahmen ihre Arbeit
ernst, in dem Wissen um die wirkliche Verantwortung, die darin lag.18
Sie wussten, dass sie mit einer geheimen Substanz des Lebens arbeiteten,
‚Mercurius’ oder ‚Quecksilber’, ein Katalysator,
der alles transformiert, was immer mit ihm in Berührung kommt. Die
Art und Weise, wie sich ihre Chemikalien veränderten und umwandelten,
war ein Abbild dafür, wie das Leben mit der rechten Mischung von
Elementen verändert werden kann. Sie wussten, dass Materie und Geist
nicht getrennt sind. Die moderne Wissenschaft enthüllt uns jetzt
dasselbe. Trotzdem bleibt es für uns ein großes Mysterium,
wie die innere und die äußere Welt miteinander in Beziehung
stehen und wie unser Bewusstsein die physische Welt beeinflusst.
Wenn wir unser sicheres Konzept einer getrennten, statischen und eingegrenzten
Welt aufgeben, öffnen wir uns einer dynamischeren Wirklichkeit, in
der das Leben ein Energiefeld ist, mit dem unser Bewusstsein und unser
Unterbewusstsein interagieren: ein pulsierendes Netz Indras, das stetig
von der Seele gewoben wird, durch das unser Bewusstsein Form annimmt und
unsere Träume ins Sein kommen.
DIE ANIMA MUNDI BEFREIEN
Wir brauchen die magischen Kräfte innerhalb der Natur, um unsere
Welt zu heilen und zu transformieren. Doch diese Kräfte zu erwecken,
würde bedeuten, dass unsere patriarchalischen Institutionen ihre
Kontrolle verlieren, sobald wieder einmal die geheimnisvolle innere Welt
ins Spiel kommt und Kräfte freisetzt, die früher von den Priesterinnen
und Schamanen beherrscht und benutzt wurden, deren Existenz die patriarchalische
Welt jedoch vergessen hat. Die Wissenschaft der Zukunft wird mit diesen
Kräften arbeiten und erforschen, wie die verschiedenen Welten zusammenhängen
und wie sich die Kräfte der inneren Welt in der äußeren
nutzen lassen. Schamane und Wissenschaftler werden zusammenarbeiten; die
Weisheit der Priesterin und das Wissen des Arztes erneuern dann ihre uralte
Verbindung.
Zu allererst jedoch geht es darum, diese Kräfte zu erwecken, und
zwar nicht nur individuell, sondern für die ganze Welt. Wir sind
auf dem Weg in ein globales Zeitalter, und alle wirklichen Veränderungen
müssen global gemacht werden. Wenn wir versuchen, uns für unseren
eigenen, persönlichen Gebrauch Kräfte anzueignen, riskieren
wir, in die Schwarze Magie abzugleiten, die das Benutzen innerer Kräfte
für die Zwecke des Egos ist. Unser nächster Schritt in der Evolution
ist die Erkenntnis der Ur-Wahrheit von der Einheit und die Wiedervereinigung
unseres individuellen Lichts mit dem Ganzen.
C.G. Jungs bahnbrechende Arbeit hat uns Zugang zur Wissenschaft der Alchemie
verschafft und diesen verborgenen Teil unserer westlichen esoterischen
Tradition aufgedeckt. Psychologische Techniken wurden entwickelt, die
uns unterstützen, eine innere Welt der Energie, der Kraft und des
kreativen Potentials freizulegen. Wir brauchen nicht länger in einer
oberflächlichen Welt eingeschlossen zu bleiben. Doch bisher war es
unsere Tendenz, diesen Zugang für unser individuelles Selbst zu nutzen,
für unsere eigene innere Reise, und nicht die größeren
Implikationen zu sehen.
Wirkliche alchemistische Arbeit galt immer dem Wohl des Ganzen. Auf unserer
inneren Reise, in unserem eigenen alchemistischen Prozess, bedeutet, für
das Wohl des Ganzen zu arbeiten, die Dimension der Anima Mundi
anzuerkennen. Das Licht, das wir in unseren eigenen Tiefen entdecken,
ist ein Funke der Weltseele, und die Welt benötigt dieses Licht,
um sich weiterzuentwickeln. Wenn wir diese Verbindung in unserem Bewusstsein
und in unserer Vorstellung herstellen, beginnen wir das Gewebe des Lebens
zu verändern. Die Alchemisten wussten um die Potenz dieses Funkens,
dieses philosophischen Quecksilbers. Die selbe Substanz, die unser individuelles
Selbst transformiert, ist der ursprüngliche welterschaffende Geist,
das „universale und funkelnde Feuer im Licht der Natur, das den
himmlischen Geist in sich trägt“. Wenn wir dies in uns selbst
befreien, es aber nicht nur für uns, das heißt für unseren
eigenen inneren Prozess, beanspruchen, schaffen wir bestimmte Verbindungen,
durch die diese Energie in das Innerste des Lebens fließen kann.
Wir arbeiten dann an dem alchemistischen Werk mit, die Anima Mundi
zu befreien. Dies ist der erste Schritt dieser Arbeit.
Was bedeutet es wirklich, die Anima Mundi zu befreien? In unserem
individuellen alchemistischen Opus erfahren wir, wie es sich auswirkt,
wenn wir das Licht, die Energie und das schöpferische Potential freisetzen,
das in uns liegt. Wir wissen, wie diese Befreiung unsere Sicht und Erfahrung
des Lebens radikal verändern kann. Wir werden in eine andere Dimension
unseres Selbst gebracht, und das Leben beginnt magisch Türen zu öffnen,
die zuvor verschlossen oder verborgen gewesen sind. Natürlich sind
diese Veränderungen nicht immer das, was wir wollen -- sie erfüllen
nicht unsere oberflächlichen Wünsche, aber sie haben einen tieferen
Sinn und Zweck. Etwas in uns erwacht, und das Leben des Geistes beginnt.
Die Alchemisten waren der Ansicht, dass der einzelne Mensch ein Mikrokosmos
des Ganzen ist, und dass das, was für jeden von uns geschehen kann,
auch für die Welt geschehen kann.
Sobald das Licht der Seele zurückkehrt, wird eine graue Welt voller
Schufterei anfangen zu funkeln: Die vielfarbigen Qualitäten der Schöpfung
werden dann sichtbar. Statt der endlosen Jagd nach Vergnügen ruft
uns das Leben auf die Suche nach dem Sinn: Die Farben des Lebens sprechen
zu uns und erzählen uns ihre Geschichte, singen uns ihr Lied. Die
Musik des Lebens kehrt zurück, eine Musik, die die lebendige Schöpfung
ist. Ein wirklicher Dialog zwischen unserem inneren Selbst und unserem
äußeren Leben entfaltet sich, während wir unmittelbar
am verborgenen Mysterium vom lebendig werdenden Leben teilhaben: Es wird
in uns selbst und in der Welt lebendig. Im Licht der Seele lösen
sich die Barrieren zwischen Innerem und Äußerem auf, und wir
müssen nicht mehr im Materiellen graben für einen Anschein von
Lebenssinn.
Das zur Anima Mundi zurückkehrende Licht der Seele wird
uns aus dem Würgegriff des Materialismus befreien, weil es uns zu
anderen Qualitäten im Leben erweckt, uns andere Träume gibt,
denen wir folgen können. In diesem Licht werden wir das Leben anders
wahrnehmen, wird eine andere Welt sichtbar werden. Wenn Materie tot ist
und die Seele schläft, sind wir leicht durch die Attraktionen des
Materialismus zu verführen: Wir sehen nichts anderes, das uns erfüllen
könnte. Aber wir kennen das von unserer eigenen Reise, wie wir plötzlich
für eine andere Wirklichkeit erwachen, die immer schon da war und
trotzdem vor uns verborgen, eine Welt, die nicht dem Kaufen und Verkaufen
angehört, sondern dem Mysterium der Seele. Dann kehrt ein Gefühl
des Staunens und der Ehrfurcht zurück. Das Selbe kann der Welt geschehen.
Wir sehnen uns danach, an einem Leben teilzuhaben, das multidimensional
und voller Schönheit ist, statt nur unserem eigenen Vergnügen
nachzugehen. Wer möchte nicht von der Lust zur Liebe zurückkehren?
Das Licht der Seele ist der Geist in der Materie, der das Leben zum Tanzen
bringt. Es erweckt uns zu der einfachen Freude an dem, was ist:
ich danke Dir Gott für diesen höchst erstaunlichen
tag: für die hüpfenden grünlichen geister der bäume
und einen blauen wahren traum von himmel; und für alles
was natürlich ist was unendlich ist was ja ist.
(ich der gestorben ist bin heute wieder lebendig,
und dies ist der geburtstag der sonne; dies ist der tag der geburt
von leben und von liebe und flügeln: und von dem fröhlichen
großartigen ereignis von uneingeschränkt erde. 19
Dies ist die Welt, in die wir ursprünglich hineingeboren worden
waren. Selbst unsere Straßen in den Städten und unsere Einkaufszentren
sind auf eine Art lebendig, die uns jetzt noch verborgen ist. Die Schöpfung
funkelt in so vielerlei Weise, obwohl ihr Farbspektrum zurzeit nur zum
Teil sichtbar ist. Wir haben ein Gefängnis des Materialismus geschaffen,
aber das ist nur eine Illusion. Wenn wir das Leben zu uns sprechen lassen,
wird es uns zeigen, wie wir diese Tür aufschließen, diese Wände
einreißen und diesen Alptraum auflösen können. Es gibt
Kräfte im Leben, die mächtiger sind als unsere Konzerne und
Politiker. Und diese Kräfte halten sich nicht an die Regeln, die
wir geschaffen haben. Mit Gelächter und aufblitzendem Schabernack
können sie unser Leben neu ordnen.
Im Augenblick schläft unsere Welt. Ihre magischen Kräfte ruhen
größtenteils, sind aber vorhanden und warten darauf, für
die Transformation unserer Welt gebraucht zu werden. Wir haben Wunder
auf die Sicherheit von kleinen Ereignissen beschränkt, aber die ganze
Welt ist wundervoll. Wir sprechen vielleicht vom ‚Das Wunder des
Lebens’, packen dieses Wunder jedoch in den sicheren Rahmen unserer
Erwartungen. Wir wagen es nicht, zu erkennen, dass ein wirkliches Wunder
das Unerwartete ist, das Erwachen des Göttlichen im Leben. Wir versuchen
vielleicht sogar, diese Dimension, die reine Freude und Licht ist, abzublocken,
damit wir innerhalb der Grenzen unseres Egos und unserer Erwartungen bleiben.
Aber das zu tun, bedeutet, die Göttlichkeit der Schöpfung zu
verleugnen, zu verleugnen, dass da eine Intelligenz ist, die die Welt
ständig den göttlichen Prinzipien entsprechend neu erschafft,
die unser rationales Verstehen übersteigen.
Auf unserer individuellen inneren Reise bekommen wir allmählich Einblicke
in das Wirken unserer Seele, sehen, wie sie dabei ist, unser äußeres
Leben auf oft wundervolle Weise zu erschaffen, und gleichzeitig unser
inneres Selbst neu ordnet. Wenn wir vom Ego abrücken und uns der
Seele zuwenden, erkennen wir mehr von ihrer Macht und ihrer Bedeutung.
Ihr Licht ist das ordnende Prinzip in unseren Leben; es kann aus den unterschiedlichsten
Aspekten unserer Psyche Harmonie schaffen und das Mandala des Selbst ins
Sein bringen. Durch das Wirken der Seele wird unser äußeres
Leben nach und nach mehr mit unserem inneren Selbst in Balance gebracht.
Das gilt genauso für die Welt. Die Anima Mundi ist das ordnende
und kreative Prinzip in der Schöpfung. Ohne ihre Gegenwart erfahren
wir nur die widerspenstigen Elemente unseres Egos, die Gier, die Unsicherheit,
und die Machtdynamiken, die in unserer gegenwärtigen Landschaft so
deutlich zutage treten. Ist ihr Licht erst erwacht, kann sie der Welt
Harmonie und Gleichgewicht bringen. Diese einfache und radikale Wahrheit
kannten die Alchemisten: Es ist das in der Materie verborgene Licht, das
die Welt erlösen wird.
© 2006 The Golden Sufi Center
Anmerkungen
1 Stephan Hoeller: Gnosis: A Journal of Western Inner Traditions
(Band 8) Sommer 1988
2 Platon : Timaios 30 -- 31 in Sämtliche Werke,
Band 6. Hamburg 1987
3 Es wird gesagt, die Glasmacher des Mittelalters hätten von den
Alchemisten gelernt, wie Glas verwendet werden kann, um Licht zu transformieren.
4 David Fideler: The Soul of the Cosmos , S. 138. Richard Tarnas:
The Passion of the Western Mind , S. 213. Harmony Books, New
York 1991
5 Giordano Bruno: Die Seele des Cosmos in Gesammelte Werke
in 6 Bänden 1904-09
6 Alchemistischer Text, zit. V. C.G. Jung in Gesammelte Werke,
20 Bände Freiburg-Olten
7 C.G. Jung: Gesammelte Werke, Band 14, s.a.O.
8 John Eberly: Al-Kima: The Mystical Islamic Essence of the Sacred
Art of Alchemy. Hillsdale NY: Sophia Perennis 2004
9 The Hermetic Museum 1:13 übers. von A.E.Waite, zit. in
Edward Edinger: Der Weg der Psyche, S.14, deutsche Ausgabe München
1990. Sie auch Llewellyn Vaughan-Lee: Catching the Thread S.66
ff.
10 Zit. in Edward Edinger a.a.O. S. 285 f. Hermes Trismegistos ist der
„Stammvater“ der Alchemistischen Kunst. Der Legende nach ist
die ursprüngliche Smaragdtafel von Alexander dem Großen im
Grab des Hermes Trismegistos gefunden worden. „ Sie ist der kryptische
Inbegriff des alchemistischen opus , ein Rezept zur zweiten Erschaffung
der Welt, des unus mundus.“
11 Gerard Manley Hopkins: (deutsche Ausgabe) Gedichte, Schriften,
Briefe. Kösel-Verlag, München 1954
12 Ghalib, übers. von Jane Hirshfield: The Enlightened Heart,
herausgeg. Von Stephen Mitchell, S. 105
13 C.G. Jung: Gesammelte Werke a.a.O.
14 David Fideler: The Soul of the Cosmos, S. 100
15 http://en.wikipedia.org/wiki/The_Garden_of_Cyrus
16 Paul Oskar Kristeller: The Philosophy of Marsilio Ficino,
S. 120, Columbia University Press, New York 1943
17 Hermes Trismegistos: Tabula Smaragdina 4&5 in Alexander
Roob: Alchemie und Mystik Taschen, Köln 1996
18 “Daher sollt ihr Leben, Charakter und geistige Eignung eines
jeden, der in diese Kunst eingeweiht werden soll, sorgfältig erproben
und untersuchen … aus The Hermetic Museum 2:12, übers.
von A.E. Waite, zit. In E.Edinger a.a.O.
19 E.E. Cummings: Selected Poems 1923-1958 “I thank You
God for most this amazing.”
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