 |
The Golden Sufi Center
Inhaltsverzeichnis
Informationen
Glaubenssätze und Ethik
Die elf Prinzipien des Naqshbandi-Pfades
Artikel und Interviews
Neu
Bücher
CDs, Kassetten, und Download
Video/DVD
Veranstaltungen
Kontakt
Spenden
Bestellschein
Adressenliste
Return to Table of Contents in English
Auf Spanisch
In Europa:
The Golden Sufi Center
Postfach
CH-9006 St. Gallen,
Schweiz
Telefon: +41 (0)31 333 00 83
(Montag 16 - 18 Uhr + Freitag 09 - 12 Uhr)
Fax: +41 (0)31 333 00 83
email: euoffice@goldensufi.org
all contents of website © The
Golden Sufi Center
|
 |
 |
Das Licht des Herzen
Llewellyn Vaughan-Lee
Die Sonne des Lichts ist im Herzen aufgegangen.
Sie scheint, und es gibt keinen Untergang.
-- Al-Hakîm at-Tirmidhî (1)
DAS SPIRITUELLE WISSEN DES HERZENS
Wir haben das Wissen und die Kraft in uns, die wir für die individuelle
und globale Transformation brauchen. Das Zentrum dieses Wandlung bringenden
Bewusstseins befindet sich im Herzen. Wollen wir unser mystisches Potenzial
leben und in dieser Zeit des Übergangs in vollem Umfang mitwirken,
müssen wir uns auf die mystische Wissenschaft vom Herzen verstehen.
Dann können wir lernen, dieses spirituelle Organ als Mittel für
Heilung und Erwachen auf globaler Ebene einzusetzen.
Das menschliche Herz ist ein multidimensionales Organ des spirituellen
Gewahrseins und des Lichts. Und da der Mensch ein Mikrokosmos der gesamten
Schöpfung ist, hat auch die Welt ein Herz des spirituellen Gewahrseins
und des Lichts. Im innersten Kern ist das menschliche Herz eins mit dem
Herzen der Welt und macht so den Einzelnen zum Tor zur Liebe und zum göttlichen
Geheimnis des Ganzen. Betreten wir die Kammern unseres eigenen Herzens,
bekommen wir Zugang zum göttlichen Bewusstsein der Welt und können
damit arbeiten.
Die Mysterien der Liebe, die Wissenschaft vom Herzen, wurden über
die Jahrhunderte durch die esoterischen Lehren verschiedener mystischer
Traditionen vermittelt. Besonders der Sufismus hat eingehende Studien
zum Menschenherzen und dessen spiritueller Natur betrieben, wobei der
Schwerpunkt darauf lag, in wie weit die einzelnen spirituellen Organe
innerhalb des Herzens den Reisenden transformieren und erwecken und so
zu einem umfassenderen spirituellen Gewahrsein, einem tieferen Eintauchen
in das göttliche Licht der Einswerdung, führen. Wanderer auf
dem Sufi-Pfad haben die Reise in die inneren Welten kartographiert, indem
sie aufzeigen, wie das Erwecken der spirituellen Zentren des Herzens das
Bewusstsein des Suchers erweitert. Sie beschreiben, wie schließlich
in der innersten Kammer -- dem Herz der Herzen -- der Liebende mit dem
Göttlichen verschmilzt und so die mystische Reise von der Trennung
zur Einheit vollendet.
Der Großteil dieser Einsichten über das spirituelle Organ des
Herzens konzentriert sich auf die innere Reise des Wanderers. Es gibt
jedoch eine andere Dimension der Wissenschaft des Herzens, die bisher
geheim gehalten worden ist. Dabei geht es darum, wie das Herz des Einzelnen
spirituell mit der Gesamtheit des Lebens interagieren kann. Indem wir
in eine neue Ära des Bewusstseins eintreten, werden diese Geheimnisse
für unsere wachsende Erkenntnis zugänglich, und uns erschließt
sich spezifisches Wissen darüber, in welcher Beziehung der Einzelne
zum Ganzen steht und wie das Innere und das Äußere zusammenhängen.
Im Herzen sind all die unterschiedlichen Ebenen der Wirklichkeit miteinander
verbunden; das Innere fließt direkt ins Äußere.
Entscheidend für diese neue Dimension unseres Bewusstseins ist die
Einsicht, wie sehr der Mensch ein Mikrokosmos des Ganzen ist. Beginnen
wir diese Beziehung zu erfassen, wird sich unser Verständnis vom
spirituellen Leben und was es heißt, sich zur Verfügung zu
stellen, verändern. Ebenso werden wir eine andere Wahrnehmung dafür
bekommen, wie das normale Leben und das spirituelle Leben miteinander
in Verbindung stehen und wie die innere Welt die äußere nährt.
Doch damit dieser Schritt im Bewusstsein möglich wird, müssen
wir erst einmal unseren Fokus von unserer eigenen, individuellen Reise
abwenden und für ein größeres Entfalten empfänglich
werden.
DER EINZELNE MENSCH ALS MIKROKOSMOS
Dieses Wissen der anbrechenden Ära zeigt auf, wie der Einzelne als
Mikrokosmos des Ganzen fungiert und wie das Herz als direkter spiritueller
Mittler zwischen einem Individuum und dem Ganzen dient. Die Schlüsselrolle
des Menschen als Mikrokosmos der Schöpfung findet sich in der westlichen
Spiritualität bereits in der Tradition der Alchemie. Für die
Alchemisten ist der Mensch „ein Abbild der großen Welt und
wird als der Mikrokosmos der kleinen Welt bezeichnet.“ (2)
Im Sufismus heißt es, dass jeder Mensch im Ebenbilde Gottes geschaffen“
ist. Ibn ?Arabî erläutert wie das hadith „Gott
schuf Adam nach Seinem Bilde“ sowohl für den großen Adam
gilt, der der Kosmos in seiner Gesamtheit ist, wie auch für den kleinen
Adam, der der Mensch und der Mikrokosmos ist. Er führt aus:
„’ER gab in den Menschen jede Seiner Eigenschaften ebenso
wie Er all Seine Eigenschaften in den Kosmos gab’. Und die drei
grundlegenden Welten des Makrokosmos -- die spirituelle, die imaginale
und die dingliche – sind im Menschen durch den Geist (rûh),
die Psyche-Seele (nafs) und den Körper (jism)
repräsentiert.“ (3)
Zur esoterischen Bedeutung der Beziehung von Makrokosmos und Mikrokosmos
gehört, auf welche Weise die spirituellen Zentren im einzelnen Menschen
dem Gesamt der Schöpfung mit ihrem spirituellen wie auch physischen
Körper entsprechen. Deshalb müssen wir, wollen wir die Beziehung
von Mikrokosmos und Makrokosmos erforschen, erst einmal anerkennen, dass
unser Planet in seiner Gesamtheit ein im Bilde Gottes geschaffener lebendiger
spiritueller Körper ist. Dann können wir die Beziehung von Mikrokosmos
und Makrokosmos dahingehend verstehen, dass sie nicht allein der äußeren,
physischen Welt zugeordnet werden darf, sondern all die spirituellen Welten,
all die inneren Dimensionen umfasst. Und wir können sehen, wie die
spirituellen Zentren des einzelnen Menschen, insbesondere das Herz mit
seinen Kammern, wesentlich für diese Beziehung sind.
Das Herz ist ein Tor zwischen verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit, und
es existiert in der physischen Welt wie auch in dem Reich des Reinen Seins
und der Absoluten Wahrheit. Das Herz eines erwachten Menschen hat unmittelbaren
Zugang zum Herzen der Welt. Wir können jedoch diese Verbindung, diese
Wesensverwandtschaft, nicht in Anspruch nehmen, solange wir davon ausgehen,
wir seien vom Gesamt der Schöpfung getrennt. Erst wenn wir die Einheit
erkennen, von der wir alle Teil sind, kann diese Verbindung lebendig werden
und das Herz als ein dynamisches spirituelles Zentrum wirken, in dem verschiedene
Ebenen der Wirklichkeit aufeinander eingeschwungen werden.
Dieser Zusammenschluss ermöglicht dem Einzelnen, auf dieselbe Weise
das Ganze zu beeinflussen, wie das Herz auf den gesamten Menschen einwirkt.
Wenn wir Seine Liebe in unserem Herzen fühlen, freut sich der ganze
Körper. Nichts ist ausgeschlossen, weil der ganze Mensch direkt von
der reinen Substanz göttlicher Liebe genährt wird. Sobald wir
die Entsprechung zwischen dem Herzen eines Individuums und dem Herzen
der Welt erfassen, offenbaren sich uns die Geheimnisse, wie die Erwachten,
die Mystiker, unmittelbar auf das Gesamt des Lebens einwirken können
und wie diese Verbindung der Herzen zum Wohl des Lebens zu nutzen ist.
DIE KAMMERN DES HERZENS
Das Herz ist das spirituelle Zentrum des Menschen. Es ist das Heim des
Höheren Selbst, unserer göttlichen Natur. „Diese Person
im Herzen, nicht größer als ein Daumen, ist bekannt als der
Erschaffer von Vergangenheit und Zukunft … Das ist das Selbst.“
(4)
Als Wohnstätte des wahren Selbst ist das Herz der Ort, an dem sich
unser spirituelles Leben entfaltet, an dem wir uns zur inneren Wirklichkeit
des Lebens öffnen und den wahren Sinn der äußeren Welt
erkennen. Und Mikrokosmos und Makrokosmos treffen sich ebenfalls im Herzen.
Durch das Herz können wir die grenzenlose Natur unseres wahren Selbst
erfahren, das sowohl individuell als auch universal ist. Das Selbst ist
das Ganze, und deshalb haben wir im Herzen Zugang zum Ganzen.
Das Herz ist auch der Ort, an dem die Energiestruktur des Planeten und
die Energiestruktur oder der spirituelle Körper eines Menschen unmittelbar
zusammentreffen. Über das Herz haben wir die Möglichkeit, am
wirkungsvollsten mit dem spirituellen Körper unseres Planeten zu
arbeiten, so wie wir durch unser Herz am besten mit unserem eigenen spirituellen
Körper arbeiten können.
Wie geschieht diese Arbeit über das Herz, die dem Ganzen zugute kommt?
Wie können wir das Herz dafür einsetzen, die spirituelle Evolution
unseres Planeten zu unterstützen? Für den Sufi ist die einfachste
Antwort: Liebe. Bedingungslose Liebe führt uns ins Herz, wo sie unser
spirituelles Selbst aktiviert, das uns und die Welt um uns herum transformiert.
Es gibt, wie einige Sufi-Schulen erforscht haben, verschiedene Kammern
oder spirituelle Zentren innerhalb des Herzens, wobei jedes Zentrum jeweils
mit unterschiedlichen Dimensionen der inneren Welt und unterschiedlichen
Ebenen des Bewusstseins in Zusammenhang steht.
Bereits im 9. Jahrhundert schrieb al-Hakîm-at-Tirmidhî das
Traktat über das Herz, in dem er vier verschiedenen Kammern
des Herzens nennt: die Brust (sadr), das Herz (qalb),
das innere Herz (fu’âd) und das innerste Herz, der
Universale Intellekt (lubb). At-Tirmidhî führt die
verschiedenen Eigenschaften spiritueller Erkenntnis auf -- die verschiedenen
Lichter --, die zu den jeweiligen Kammern gehören. So heißt
es über die innerste Kammer, dass sie „das Licht der Einswerdung
und das Licht der Kontemplation der Einzigkeit Gottes“ (5)
berge.
Jahrhunderte hindurch haben sich die Sufis in ihren Lehren mit der verborgenen
Natur des spirituellen Herzens auseinandergesetzt und ergründet,
welche Rolle das Herz in der spirituellen Entwicklung eines Menschen spielt.
Im 9. Jahrhundert schuf Junaid den Begriff von den latâ’if
oder feinstofflichen spirituellen Zentren oder Organen der Erkenntnis
innerhalb des Herzens. (6) Später entwarfen
dann Sufi-Meister ein Modell von den latâ’if als
den sieben oder zehn subtilen Zentren oder Rezeptoren für die aus
feineren Bereichen stammende göttliche Energie. (7)
Wie die spirituelle Wissenschaft von den latâ’if
darlegt, korrespondieren diese verschiedenen Zentren im Herzen mit verschiedenen
Dimensionen der inneren Welt. Indem der Reisende ein bestimmtes Zentrum
oder latîfah aktiviert, kann er in das dazugehörige
innere Reich reisen.
Die Sufi-Meister entwickelten Übungen und Meditationen für die
Arbeit mit der Energie des Herzens, wobei sie unterschiedliche dhikr
und Meditationen für die jeweiligen latâ’if verwendeten.
Üblicherweise kann der Schüler dann im Laufe seines spirituellen
Lebens allmählich von einer Stufe zur nächsten gelangen, wobei
ihm jedes latîfah eine jeweils andere Ebene der Wirklichkeit
mit dem entsprechenden Licht und der entsprechenden spirituellen Energie
erschließt.
Auf jeder Stufe gehört es zur Entwicklung des Reisenden, den Umgang
mit der entsprechenden Energie zu erlernen, damit sie ungehindert durch
ihn hindurchfließt und Licht und Liebe dahin gelangen, wo sie für
seine Entfaltung notwendig sind. Schließlich lösen sich auf
der Ebene der Einswerdung alle Unterscheidungen zwischen Liebendem und
Geliebten auf, und es bleibt nur noch Sein Licht, das durch den Menschen
scheint. Das ist die vollständige Verwirklichung der Aussage, dass
wir „im Bilde Gottes geschaffen“ sind. Alles ist Er.
EINE NEUE SICHT DES PFADES
Dem Wanderer erscheint es, als würde er über verschiedene Stufen,
die seinen spirituellen Fortschritt kennzeichnen, tiefer und tiefer in
die Liebe, ins Herz, reisen. Und doch wissen wir, dass dies nur eine begrenzte
Perspektive darstellt, denn die wahre Beschaffenheit des Pfades ist keine
Reise in Etappen, sondern ein kontinuierliches sich Entfalten der Liebe,
das Augenblick für Augenblick innerhalb und außerhalb der Zeit
geschieht. Bâyezîd Bistâmî, der große Sufi-Mystiker
aus dem 9. Jahrhundert, erfuhr diese umfassendere Sicht:
„Am Anfang täuschte ich mich in vierfacher Hinsicht. Ich
trachtete ganz und gar danach, Gott zu gedenken, Ihn zu erkennen, Ihn
zu lieben, Ihn zu finden. Als ich da angelangt war, sah ich, dass Er
sich meiner erinnert hatte, bevor ich Ihn erinnert habe, dass Seine
Kenntnis von mir meiner Kenntnis von Ihm vorausgegangen war, dass Seine
Liebe zu mir vor meiner Liebe zu Ihm bestanden hatte, und Er mich gesucht
hatte, bevor ich ihn gesucht habe.“
Wenn wir das Göttliche im Kern des spirituellen Lebens erfahren,
taucht ein völlig anderes Bild auf. Dann gibt es keine „Reise“,
denn die Erkenntnis ist, dass es nicht um uns geht -- es geht nicht um
den Wanderer, sondern um eine fortwährende Offenbarung Seiner Liebe.
Seine Liebe ist immer vollständig da, und doch wird sie beständig
in den Herzen derer enthüllt, die Ihn lieben.
Die Gefahr ist immer, das spirituelle Leben durch das Bild, das wir uns
davon geschaffen haben, festzulegen. Oft erkennt der Wanderer am Ende
seiner „Reise“ die Wahrheit, dass es gar keine Reise gibt,
weil es nichts gibt, wohin man gehen könnte. Das Göttliche ist
nicht verschieden von uns -- das ist die Wahrheit, wie sie in der Parabel
von den Fischen, die nach dem Wasser suchen, veranschaulicht wird. Dann
fallen alle Konzepte vom spirituellen Leben weg, und stattdessen kommt
es zu einem wachsenden Eintauchen in Seine Einheit und auch in die Leere,
die der Schöpfung zugrunde liegt.
Oft sehen sich die Mystiker mit der Schwierigkeit konfrontiert, ein Verständnis
von dieser Wirklichkeit „zurückzubringen“, weshalb viele
Liebende das Schweigen vorziehen. In der Naqshbandi-Lehre von den
latâ’if kehrt der Wanderer jedoch nach der Erfahrung
des Allerverborgensten (akhfâ), dem göttlichen Licht
der Wahrheit, zu dem latîfa der nafs, dem niederen
Selbst, und den anderen latâ’if, die mit der Welt
der Schöpfung in Verbindung stehen -- Luft (bâd),
Feuer (nâr), Wasser (mâ) und Erde (khâk)
-- zurück. Die Naqshbandi haben immer die Wichtigkeit der Rückkehr
in die Welt der Formen betont, nachdem man im Formlosen eingetaucht war.
Die Fähigkeit der Mystiker, über die Form hinauszugehen und
dann wieder zur bedingten Welt zurückzukehren, erlaubt ihnen auf
eine Weise zu leben, die dynamisch lebendig für den Augenblick ist,
statt in einem Bild gefangen zu sein, das der Vergangenheit angehört.
Nicht mit der Form identifiziert, halten die Mystiker die Tore der Offenbarung
auf und wissen, dass, wie es Abû Tâlib al-Makkî ausdrückt:
„Gott sich niemals zwei Menschen auf dieselbe Weise oder zweimal
in derselben Form enthüllt.“(8)
Es gehört zum Beitrag der Mystiker, also jener, die ins Formlose
gereist sind, die Menschheit an die unbestimmbare Natur des Göttlichen
zu erinnern und einen Ort des Gedenkens zu halten, der Ihn in keinerlei
Form und mit keinem Namen festlegt.
In einer Zeit, die sich mit der Entwicklung des Einzelnen und insbesondere
mit der Entwicklung des individuellen Bewusstseins befasst hat, spiegelten
die Bilder vom Pfad diese Sicht wider: Der einzelne Wanderer reist in
Richtung zu einem erweiterten spirituellen Bewusstsein. Doch wir kommen
in eine neue Ära, in der uns die modernen Naturwissenschaften wie
die Quantenphysik und die Ökologie Bilder einer dynamischen interdependenten,
also sich gegenseitig bedingenden Wirklichkeit liefern, die unser Gefühl
des Getrenntseins als Illusion entlarven. Jetzt geht es um das zusammenschließende
Prinzip der Einheit und darum, wie der Einzelne am Ganzen mitwirken kann.
Auf diesem Feld kann die spirituelle Wissenschaft ihre Kenntnisse von
den miteinander in Beziehung stehenden Kräften der Einheit und von
der Weise, wie Energie in den inneren Welten funktioniert, beitragen.
Das Herz als Organ der unmittelbaren Erkenntnis und des Bewusstseins der
Einheit wird bei diesem sich entwickelnden Bewusstsein eine zentrale Rolle
spielen.
DIE WELT NÄHREN
Es gibt eine mystische Lehre darüber, wie das Herz eines erwachten
Menschen auf die Energiestruktur des Planeten eingeschwungen und benutzt
werden kann, das Leben zu erwecken und zu nähren. Obwohl es so aussieht,
als sei die mystische Reise eine Abkehr von der Welt, nimmt sie sich in
Wirklichkeit des Lebens in seiner innersten Essenz an. Die Mystiker können
aus dieser zentralen Position heraus direkt daran mitwirken, das Leben
zu verändern und ihm bei seiner Entfaltung zu helfen. Sie haben schon
immer diese Rolle innegehabt, doch Jahrtausende lang ist dies im Geheimen
geschehen, verborgen sogar vor den spirituell Praktizierenden.
Das Herz befindet sich im Zentrum des Menschen und von daher im Zentrum
des Lebens. Weil das Herz ein Mikrokosmos des Ganzen ist, kann es unmittelbar
zur Seele der Welt sprechen. Es kann behilflich sein, den Schutt fortzuräumen,
der die Welt bedeckt, und dazu beitragen, die Welt durch die Liebe zu
reinigen, auf dass sie heller und strahlender leuchtet. Ein erwachtes
Herz kann dafür eingesetzt werden, das Leben von negativen Mustern
und Einstellungen zu befreien.
Diese Lehre basiert darauf, dass das Herz naturgemäß auf der
Ebene der Einheit, in der Dimension des wahren Selbst arbeitet. In dieser
Dimension der Einheit, zu der wir über das Herz Zugang bekommen,
ist alles in jedem Augenblick gegenwärtig, und es gibt dort keine
Begrenzungen durch Zeit und Raum. Das bedeutet, dass wir im Herzen frei
sind, an dem Ort zu sein, an dem wir gebraucht werden. Die Liebe fließt
dann unmittelbar von der Quelle, und unser inneres Licht kann direkt und
unbeeinträchtigt von der Dunkelheit der physischen Welt dahin gehen,
wo es dem Leben in den inneren und äußeren Welten dient. Dieses
Potenzial kommt in den spirituellen Übungen zur globalen Heilung
zum Tragen, bei denen man die ganze Welt in sein Herz nimmt und sie dort
mit Licht und Liebe nährt. Wenn es nötig ist, kann man dann
noch seine Aufmerksamkeit und Liebe ganz bewusst zu den Orten der Dunkelheit
und des Leids lenken.
Begreifen wir diese Beziehung von Makrokosmos und Mikrokosmos innerhalb
der Einheit des Lebens, wird sichtbar, welchen Schmerz wir mit unserem
Gottvergessen, unseren Einstellungen und Handlungen der Seele der Welt
zugefügt haben. Wir haben die inneren Strukturen aus Licht und Liebe,
die unseren Planeten nähren, zerstört und dunkle Wolken in den
inneren Welten verursacht, die das Licht vor uns verbergen. Unsere Werte
wirken sich global aus, doch nicht nur auf unser physisches Ökosystem,
sondern auch auf den spirituellen Körper der Welt.
Wir fangen gerade erst damit an, Verantwortung für die Auswirkungen
unserer Handlungen in der äußeren, physischen Welt zu übernehmen.
Doch viele Menschen fühlen den Schaden, der in der inneren Welt angerichtet
worden ist; sie leiden an einem Verlust des Glaubens, an einem Mangel
an Freude und Hoffnung, ohne den Grund dafür zu kennen. Die Seele
der Welt schreit danach, gerettet zu werden. Es ist an der Zeit, dass
spirituell erwachte Menschen Verantwortung übernehmen und auf diesen
Schrei antworten, indem sie ihre Herzen für diese Arbeit zur Verfügung
stellen.
Wir wissen, wie wesentlich die Liebe für unser eigenes Leben ist,
wie sie uns in unseren tiefsten Tiefen nährt. Die Liebe der Mutter
für ihr Kind ist etwas Grundlegendes für das Leben. Durch das
Licht und die Wärme der Liebe wachsen wir und entfalten uns und können
unser wahres Potenzial als Menschen verwirklichen. Die Liebe hilft uns
in unserer Entwicklung durch alle Lebensstadien, von der Kindheit zur
Partnerschaft und Elternschaft.
Eines der Wunder auf dem Pfad ist, wie wir direkt von der Quelle geliebt
werden und Seine Liebe im Herzen spüren können. Das ist eine
Liebe, die in kein Beziehungsmuster und in keine Dynamik der Projektionen
verstrickt ist. Es ist reine Liebe, die von den inneren Ebenen ins Herz
fließt. Sie kommt durch die Kammern des Herzens, verbindet Liebenden
und Geliebten und nährt uns auf Weisen, die jenseits unserer Vorstellungen
liegen. Sie öffnet uns zur Wirklichkeit Seiner Gegenwart und erweckt
uns zum wahren Sinn unseres Lebens. Und sie verwandelt uns auch, indem
sie spirituelle Energiezentren und unsere höheren Bewusstseinszentren
aktiviert.
Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für die gesamte Schöpfung.
„Im gesamten Universum gibt es nur zwei: den Liebenden und den Geliebten.
Gott liebt Seine Schöpfung, und die Seele liebt Gott.“(9)
Durch das Herz vermag Er alle Ebenen des Seins zu nähren. Manchmal
erfahren wir das unmittelbar, wenn eine Süße oder Energie der
Liebe durch unser Herz zu einer Person fließt, mit der wir zusammen
sind. Doch die Liebe strömt durch ein erwachtes Herz zu der gesamten
Schöpfung hin -- zu den Bäumen und dem Gras und sogar zu den
unbelebten Dingen, denn alles hungert nach Liebe. Die ganze Welt ist eine
Liebende, die auf den Geliebten wartet.
Die Liebe kommt in die physische Welt und lässt die Atome der Schöpfung
im Gottgedenken wirbeln. Die Liebe gelangt auch von der Quelle zu den
inneren Reichen -- in die archetypische Welt der Primärenergien des
Lebens -- und in die Welt der Seele.(10) Die Archetypen,
die Götter und Göttinnen der Alten Welt, brauchen unsere Liebe
und Beachtung, was inzwischen auch einige psychologische Richtungen erkennen.
Diese Urkräfte, die das Fundament des Lebens sind, antworten auf
die Liebe und wandeln sich manchmal von wütenden Wesen in hilfreiche
und unterstützende Kräfte, wie das in zahlreichen Märchen
und Geschichten indigener Völker geschildert wird.
Die Liebe kann die Archetypen von negativen Mustern und Blockierungen
befreien, die den heilsamen Fluss ihrer Energie behindern. Die Schamanen
arbeiten üblicherweise vor allem in der archetypischen Welt und wissen,
wie wichtig es ist, diesen Kräften mit Aufmerksamkeit, Respekt und
Liebe zu begegnen. Da die Liebe eine so machtvolle transformative Kraft
ist, kann sie direkt auf diese inneren Energien einwirken und sie zu einem
höheren und schöpferischeren Potenzial erwachen lassen.
Viele Jahre lang habe ich in der inneren Welt direkt mit den Archetypen
gearbeitet und die Veränderungen miterlebt, die Liebe und Aufmerksamkeit
bringen können. Ich sah, wie es möglich war, öde, trockene
innere Landschaften mit den Samen der Hoffnung zu bepflanzen, die dann
in Liebe gehegt wurden, und wie daraus ein Obstgarten erwuchs mit Früchten,
die die Seele nährten und Freude ins Leben brachten. Ich traf auf
eine Frau, deren Tränen sie hatte erblinden lassen, so dass sie nicht
mehr sehen und sich um ihre Kinder kümmern konnte. Durch die Liebe
gewann sie allmählich ihr Augenlicht zurück und gesundete, und
ihre Kinder waren nicht länger im Stich gelassen. Die Liebe brachte
Heilung und Magie in die innere Welt, und das Lied der Zukunft wurde lebendig.
Das Kind mit den Sternenaugen kam und zeigte mir die Morgendämmerung,
die der Menschheit harrte. Ich sah, wie ein neues Gebet gegeben wurde,
das auch ein der Sonne sich öffnender Same war. Die Liebe vermag
die innere Welt zu heilen, die von Jahrhunderten des Rationalismus und
des Vergessens missbraucht worden ist.
Die Liebe kann auch die Seele heilen. Durch die Liebe können wir
unmittelbar zu der Seele eines anderen und nicht nur zum Ego oder der
Persönlichkeit sprechen. Es gibt auch altüberlieferte Weisen,
die Seele eines neugeborenen Kindes in dieser Welt willkommen zu heißen
– Rituale des Herzens, die dafür sorgen, dass es sein wahres
Wesen nicht vergisst und das Band zwischen Seele und Ego nicht vom Leben
verdeckt oder gar durchtrennt wird, sondern die Person ihr ganzes Leben
hindurch nährt.
Wenn das Herz zu der Seele eines Erwachsenen spricht, kann es auch Wunden
heilen, die ihr durch das Gottvergessen unseres Egos und unserer Kultur
zugefügt worden sind. Manche Seelen haben Wunden durch Ereignisse
in ihrem Leben davongetragen -- durch Unglücksfälle, großen
Kummer oder Handlungen, die Leid über andere gebracht haben. Durch
das Herz kann Licht gegeben werden, um die dunklen Wolken aufzulösen,
die solch eine Seele einhüllen -- eine Dunkelheit, die oft als Depression
empfunden wird. Da Sinn aus dem Innersten kommt, erscheint einem das Leben,
wenn die Seele von solch einer Dunkelheit bedeckt ist, häufig sinnlos.
Wir haben dann das Licht der Seele verloren. Die Liebe kann es wieder
zurückbringen.
DIE ARBEIT DER LIEBENDEN
Mit der Liebe zu arbeiten bedeutet, dass wir vom Kern unseres Wesens
her auf die globale Misere reagieren. Wir können es uns nicht länger
leisten, uns in unsere spirituellen Praktiken oder in unser persönliches
Leben zurückzuziehen. Wir müssen eine innere Verpflichtung gegenüber
dem spirituellen Leben des Ganzen eingehen. Dabei ist wesentlich, dass
wir die dringende Notwendigkeit erkennen und so unserem Höheren Selbst
die Möglichkeit geben zu antworten.
Es gibt einen Sufi-Ausspruch: „Es ist das Einverständnis, das
die Gnade herabholt.“ Wenn wir „Ja“ sagen, lassen wir
zu, benutzt zu werden. Ohne unsere Bereitschaft zum Mitwirken bleiben
die Tore der Gnade geschlossen. Das ist eines der Geheimnisse des freien
Willens.
Wie weiß das Herz, worauf es antworten soll? Das Wunder des Herzens
ist, dass es, da es unsere höhere spirituelle Intelligenz beherbergt,
instinktiv weiß, wo seine Aufmerksamkeit und Liebe gebraucht werden.
Das Herz öffnet sich als Antwort auf einen Ruf. Und das Herz kann
unterscheiden, ob es um ein wahres Bedürfnis geht, so wie eine Mutter
weiß, ob der Schrei ihres Kindes ein Schrei aus echtem Schmerz ist
oder nur ein Verlangen nach Aufmerksamkeit.
Die Liebe arbeitet über verschiedene Kammern oder Organe des Herzens
auf verschiedenen Ebenen, und zwar von den äußeren zur innersten,
wo die WAHRHEIT verborgen ist. Über diese verschiedenen Mittler der
Liebe bringt der Liebende die Liebe dorthin, wo sie gebraucht wird, um
die verletzte Welt zu heilen und auch Energiezentren in ihr zu erwecken,
die noch ruhen. Der Liebende hat die verwandelnde Eigenschaft Seiner Liebe
erfahren und weiß um ihr Potenzial. Was dem Einzelnen gegeben
werden kann, kann auch der Welt gegeben werden. Das ist eines der
Geheimnisse der globalen Einheit, des aufkeimenden Bewusstseinszustands
von globalem Gewahrsein.
Mit unseren individuellen Gebeten, unserer Meditation und unserer Hingabe
streben wir danach, innerlich achtsam zu werden und uns mit der QUELLE
zu verbinden. Achtsam für den Atem zu sein, ist ein Weg, uns auf
die QUELLE auszurichten. Wenn wir uns auf den Grundrhythmus unseres Lebens
einstimmen, fließt unsere Aufmerksamkeit beim Ausatmen von der inneren
Welt der Seele in die Manifestation und kehrt beim Einatmen wieder zur
QUELLE zurück. Ein dhikr oder ein mantra ist eine
weitere Übung zur inneren Ausrichtung, da unser Bewusstsein auf einen
göttlichen Namen oder Das, was er bezeichnet, eingeschwungen wird.
Eine andere Übung, die schon erwähnt wurde, bei der man eine
Meditation oder ein Gebet damit beginnt, dass man die Welt ins Herz nimmt,
erinnert einen an die alles umfassende Natur unserer spirituellen Praxis.
Auch kann das Herz des Schülers vom Lehrer, dem man sich in Liebe
hingegeben hat, benutzt und gelenkt werden. Das ist eines der Geheimnisse
der spirituellen Transmission, der Übertragung der Liebe vom Lehrer
auf den Schüler. Wenn der Lehrer das Herz des Schülers durch
die Übertragung der Liebe erweckt, entsteht ein Band der Liebe zwischen
Schüler und Lehrer und der gesamten spirituellen Linie. Über
dieses Band der Liebe wird dem Schüler die Liebe und das Licht gegeben,
die er für seine Reise auf dem Pfad braucht. Da dieses Band zur inneren
Ebene der Seele gehört, ist für diese Transmission der Liebe
oft nicht die körperliche Gegenwart erforderlich. Über dieses
Band kann der Lehrer das Herz des Schülers auch für die Arbeit
in der Welt leiten und Liebe und Licht durch dessen Herz direkt an die
Stelle geben, wo sie benötigt werden.
Die Liebe, die durch diese Übertragungskette kommt, schwingt häufig
auf einer höheren Frequenz, als der Schüler von sich aus erreichen
könnte. Da sie eine höhere Schwingungsrate hat als das persönliche
Selbst, kann sie ohne jede Störung durch das Herz fließen.
So ist es möglich, Energie durch den Schüler zu leiten, die
eher für die Arbeit mit der Welt gebraucht wird als für die
individuelle spirituelle Entwicklung.
Die Energie, die die Welt benötigt, ist nicht immer dieselbe wie
jene, die geeignet ist, den Einzelnen zu fördern. Es ist wichtig
zu erkennen, dass es womöglich einen Unterschied gibt zwischen der
spirituellen Energie, die dem Planeten hilft, und der für das individuelle
spirituelle Leben. Ein Beispiel: Gegenwärtig braucht der Planet eine
dichte und sehr machtvolle Energie, die sehr unpersönlich, kalt und
hart ist und nicht auf der Ebene der individuellen Entwicklung funktionieren
kann. Sie hat einen sehr spezifischen Zweck, nämlich den gesamten
Planeten auf seine QUELLE auszurichten und auch bestimmte Energiezentren
innerhalb des Planeten zu erwecken. (11) Ein Einzelner
oder eine spirituelle Gruppe, in Liebe ergeben und unter dem Schutz und
der Führung eines spirituellen Meisters, kann diese Energie übertragen.
SPIRITUELLE GRUPPEN
Eine spirituelle Gruppe kann ein machtvoller und nährender Organismus
des Lichts und der Liebe in der Welt sein. Spirituelle Energie lässt
sich durch eine Gruppe oder eine spirituelle Tradition in die Welt übertragen.
Eine Gruppe, die sich regelmäßig zu ihrer spirituellen Praxis
trifft, hat ein Gruppenherz, das die Gruppe aufrecht erhält und auch
als Transportmittel für spirituelle Energie fungiert. Die Wirksamkeit
dieses spirituellen Organs hängt von der Ernsthaftigkeit und dem
Entwicklungsgrad ihrer Mitglieder ab und ob sie unter dem Schutz und der
Führung eines spirituellen Lehrers stehen. Diese Faktoren bestimmen
auch das Energieniveau, zu dem sie Zugang haben. Die Mitglieder einer
Gruppe unterstützen sich gegenseitig auf ihrer individuellen Reise,
aber sie können auch, in ihrer Hingabe und der gemeinsamen spirituellen
Absicht verbunden, für die Arbeit am Ganzen benutzt werden.
Jede Gruppe hat eine unterschiedliche Schwingung, die den Grad ihrer Mitwirkung
und den Einsatzort in den äußeren und inneren Welten bestimmt.
Manche spirituelle Gruppen arbeiten in der äußeren Welt, leisten
Beistand durch Heilen oder verbessern die äußeren Bedingungen
im Leben der Menschen. Andere Gruppen arbeiten nahe bei der physischen
Welt und helfen, den Ätherleib der Erde zu heilen, während andere
Gruppen vielleicht in der archetypischen oder in der Engelwelt tätig
sind, während wiederum andere tief im Innen, sogar auf den Ebenen
des Nichtseins arbeiten.
Die spirituellen Gruppen bilden Teil des spirituellen Körpers, des
Lichtkörpers, der Erde. Aus dieser Perspektive betrachtet sind die
Gruppen keine getrennten, unabhängigen Gebilde, sondern Teil eines
organischen Lebewesens. Sie werden da formiert, wo sie der spirituelle
Körper der Erde braucht, wo sich ihre Liebe und ihr Licht konstellieren
müssen. Im Laufe der Weltgeschichte haben sich spirituelle Energie
und Aktivität an verschiedensten physischen Plätzen konzentriert.
In den noch nicht lange zurückliegenden Jahrhunderten sind Indien
und Tibet die Lokalitäten gewesen, an denen viel spirituelle Arbeit
geschah, während die Blütezeit des Sufismus im ersten Drittel
des letzten Jahrtausends eine spirituelle Konzentration im Mittleren Osten
anzeigt, obwohl Dschingis Khan und seine Mongolenkrieger Zerstörung
in einen Großteil dieser Region brachten und viele Sufis dazu zwangen,
gen Westen nach Damaskus und Anatolien zu ziehen. In jüngster Zeit
sind viele verschiedene Traditionen vom Osten in den Westen gelangt, der
der gegenwärtige Sammelpunkt beträchtlicher spiritueller Energie
und Tätigkeit zu sein scheint.
Da die Erde ein lebendiges spirituelles Wesen ist, verändert sie
sich, die Lichtkonzentration verschiebt sich, und die spirituelle Arbeit,
die von den Praktizierenden getan werden muss, wandelt sich. Mit unserem
Fokus auf die individuelle Dimension spiritueller Arbeit wird häufig
dieses größere, globale Bild übersehen und außer
Acht gelassen, wie sehr spirituelle Gruppen in ihrem Dienen alle miteinander
verbunden sind. Bedauerlicherweise bleiben viele der heutigen Praktizierenden
in dem Bild ihres Pfades als etwas, das für sich steht, gefangen,
statt die Sicht von der dynamischen Ganzheit anzunehmen, bei der jeder
Übende nur eine jeweilige Zelle im Lichtkörper des Planeten
ist. Sie begreifen nicht, dass die verschiedenen spirituellen Pfade und
Traditionen lediglich verschiedene Wege sind, mit dem Einen Licht zu arbeiten.
Nur indem wir zusammenarbeiten, können wir viele der gegenwärtigen
Hindernisse überwinden, die durch den globalen Konsumfetischismus
und die damit einhergehende Schändung des Planeten verursacht worden
sind. Verbinden sich die verschiedenen Pfade in der inneren und äußeren
Welt miteinander, werden sie ihr wahres transformatives Potenzial verwirklichen
und der Welt dabei helfen zu erwachen.
Vieles der spirituellen Arbeit ist verhüllt, in den inneren Welten
verborgen. Aber manchmal dürfen wir einen kurzen Blick auf die wahre
Natur der Arbeit werfen. Ein Freund hatte die folgende Vision, die etwas
von der Arbeit des Naqshbandi-Ordens widerspiegelt, der von der Präsens
seines Begründers, des Meisters aus dem 13. Jahrhundert, Abd al-Khalîq
al-Ghujduwânî, geleitet wird.
„In der Meditation befand ich mich -- nach einer kurzen Reise
der Seele fort von der Erde -- in einer riesigen Raumstation außerhalb
unserer Galaxie im Universum wieder. Plötzlich stand ich in einem
Kontrollraum zur Rechten von Sheikh Ghujduwânî. Um uns waren
nur glänzende und blinkende Computer und Kontrollborde.
Durch die Fenster konnte ich unter uns auf der rechten Seite unsere
Galaxie mit der schönen Erde vor einem schwarzen Hintergrund sehen.
Ich sah auch die Energie -- und Lichtkanäle, die zu anderen Galaxien
reichten.
Sheikh Ghujduwânî erklärte mir viel von seiner derzeitigen
Arbeit. Manches konnte ich behalten.
Er sagte, dass er jetzt auf verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit Vernetzungen
zu anderen lebenden Galaxien schaffen würde, so dass zwischen ihnen
und uns eine Verbindung entstehen könne. Verschiedene dunkle Mächte
würden das fortwährend zu verhindern suchen. Das würde
ihnen jedoch nicht gelingen, weil die göttliche Evolution und die
Macht der Liebe und Hingabe der Meister stärker seien. Als er das
sagte, lachte er laut und fröhlich.
Dann betrachtete ich unseren strahlend leuchtenden Planeten, der von
grauen und schwarzen Streifen wie Nebelschwaden umgeben war. Durch den
Nebel rotierte sehr schnell eine Energiespirale, und das auf diversen
Daseinsebenen. Im selben Moment erkannte ich diese Spirale als Energiefeld
unseres Ordens. Diese durch die Liebe und Hingabe von Meditierenden
erzeugte Spirale löst langsam den Nebel aus Gottvergessen und Dunkelheit
auf den verschiedenen Ebenen der Existenz auf.
Der Sheikh sagte, er arbeite an dieser Stelle im Universum, um bestimmte
Energien zwischen den Galaxien auszugleichen und diese Galaxien -- unsere
eigene eingeschlossen -- zu schützen. Er tue seine Arbeit stets
im Auftrag des Allmächtigen.
Er würde auch nicht allein arbeiten, sondern zusammen mit buddhistischen
Lehrern und Meistern.“
Diese Vision führt den Freund fort von der Erde und dahin, wo sich
eine weitaus größere Dimension spiritueller Arbeit erkennen
lässt, eine Arbeit, die „auf verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit
Vernetzungen zu anderen lebenden Galaxien“ erzeugt. So, wie jetzt
Verbindungen und Beziehungsmuster in unserer Welt geschaffen werden, indem
eine Verknüpfung von verschiedenen Gruppen und spirituellen Traditionen
stattfindet, so werden auch andere Verbindungen und Beziehungen im umfassenderen
Makrokosmos gebildet. Darüber hinaus zeigt die Vision die Arbeit
der Naqshbandi-Sufis für diese Welt, bei der ein Energiefeld geschaffen
wird, das den Nebel des Vergessens und der Dunkelheit, der unseren Planeten
bedeckt, auflöst. Dieses Energiefeld „durch die Liebe und Hingabe
von Meditierenden erzeugt“ besteht „auf diversen Daseinsebenen“,
weil der Nebel des Vergessens und der Dunkelheit, den es aufzulösen
gilt, ebenfalls auf verschiedenen Ebenen vorhanden ist. Unsere Kultur
hat Verschmutzung und Dunkelheit bis weit in die inneren Welten ausgelöst.
Ein wichtiger Aspekt wirklicher spiritueller Arbeit ist ihre Fähigkeit,
auf verschiedenen Ebenen zu wirken, besonders in den verborgenen inneren
Welten. Die verschiedenen Zentren innerhalb des Herzens, die latâ’if,
gewähren uns Zugang zu verschiedenen Wirklichkeitsebenen, und durch
die Führung der Meister unserer Linie arbeiten wir zusammen, um die
Energie des Pfades dahin zu bringen, wo sie gebraucht wird.
In der letzten Aussage zeigt die Vision, dass die verschiedenen Pfade
nicht isoliert arbeiten. „Er würde auch nicht allein arbeiten,
sondern zusammen mit buddhistischen Lehrern und Meistern.“ Die anbrechende
Ära ist eine der Zusammenarbeit und der wechselseitigen Beziehungen.
Im Herzen ist alles eins. So wie das Herz einen Menschen mit der ihm innewohnenden
Einheit verbinden kann, so kann es uns auch mit der Einheit allen Lebens
verbinden. Wenn wir uns das bewusst machen, dann erkennen wir, dass wir
alle zum Wohl des Ganzen zusammenwirken.
© 2006 The Golden Sufi Center
ANMERKUNGEN
1. Tirmidhî, Al-Hakîm: Three Early Sufi Texts, S.
52, übers. v. Nicholas Heer. Louisville, KY, Fons Vitae, 2003
2. C.G. Jung: Gesammelte Werke, Bd. 14, „Mysterium Conjunctionis“,
Olten und Freiburg im Breisgau, Walter Verlag
3. Chittick, William: The Sufi Path of Knowledge, S. 17, Albany,
NY, State University of New York Press, 1989
4. Katha Upanishad, Book II, 1, S.34 in The Ten Principle
Upanishads, übers. v. Purohit Swami und W.B Yeats, London, Faber
and Faber, 1937
5. Tirmidhî, Al-Hakîm, S. 35, s.a.a.O.
6. Die Naqshbandi unterschieden zwischen fünf latâ’if,
die zur Welt des Göttlichen Befehls ('alâm-e amr)
gehören: Herz (qalb), Geist (rûh), Geheimnis
(sirr), Verborgenes (khafî) und das Verborgenste
(akfâ) -- und fünf latâ’if, die der Welt
der Schöpfung ('alâm –e kalq) zugeordnet werden:
niederes Selbst (nafs), Luft (bâd), Feuer (nâr),
Wasser (mâ) und Erde (khâk). Jedes latîfah
steht mit einer bestimmten Farbe und einer bestimmten Körperstelle
in Verbindung.
7. Buehler, Arthur F.: Sufi Heirs of the Prophet, S. 110, Columbia,
SC, University of South Carolina, 1998
8. Ibn ?Arabî, zit. in: William Chittick, S. 103, s.a.a.O.
9. Zit. in: Irina Tweedie, Der Weg durchs Feuer, S. 231, Interlaken,
CH, Ansata Verlag, 1988
10. Die archetypische oder symbolische Welt wird üblicherweise als
eine Zwischenebene zwischen der physischen Welt und der Ebene des Reinen
Seins gesehen. Man bekommt zu ihr am leichtesten Zugang über die
„aktive“ oder „kreative“ Imagination. Siehe Vaughan-Lee,
Mit der Einheit arbeiten, Kap. 8, S.165 – 182, The Golden
Sufi Center, 2003
11. Siehe: Vaughan-Lee, Spirituelle Macht, The Golden Sufi Center
2006
|