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Abbildung von Spirituelle Traumarbeit

SPIRITUELLE TRAUMARBEIT
Träume als Ratgeber und Wegweiser auf dem Sufi-Pfad des Herzens

Das folgende ist ein Auszug aus dem Buch.

1

Der Naqshbandi-Pfad

Der Sufismus ist ein bei weitem fortgeschritteneres psychologisches System als alle Systeme, die bis jetzt in der abendländischen Welt entwickelt wurden. Diese Psychologie ist in ihrer Essenz nicht östlich, sondern menschlich. (Idries Shah)

Der Sufismus ist ein mystischer Pfad der Liebe, auf dem man die Wahrheit - oder Gott - im eigenen Herzen findet. Obwohl man ihn oft mit dem Islam identifiziert, ist der Sufismus älter als irgendeine der Hochreligionen. Er ist weder eine Religion noch eine Philosophie, sondern er ist eine Lebensart:

Sufitum war schon immer da; es ist eine uralte Weisheitstradition. Nur, vor dem Propheten hießen sie noch nicht Sufis. Erst einige Jahrhunderte nach seinem Tod wurden sie so genannt. Lange davor waren sie eine Sekte, die man als "Kamal Posh" (Deckenträger) bezeichnete. Sie gingen zu jedem Propheten. Die Überlieferung besagt, sie seien auch zu Jesus gegangen. Doch niemand vermochte sie zufriedenzustellen. Jeder Prophet sagte ihnen, sie sollen dieses oder jenes tun, und sie waren nicht zufrieden. Eines Tages verkündete Mohammed: "Es sind viele Kamal Posh unterwegs, und sie werden in so und so vielen Tagen hier sein, und jetzt befinden sie sich da und da." Und sie kamen wirklich an dem Tag, den er vorausgesagt hatte. Und als sie bei ihm waren, sah er sie nur an und sprach nicht. Und sie waren völlig zufrieden.1

Warum waren sie zufrieden? Weil er Liebe in ihrem Herzen erzeugte. "Wenn Liebe erzeugt wird, wie kann dann noch Unzufriedenheit herrschen?"

Auf diese Weise wurden die Kamal Posh in den Islam aufgenommen. Ein Jahrhundert nach Mohammeds Tod begannen sich in der muslimischen Welt kleine Zirkel zu bilden, die man "Reisende" oder "Wanderer auf dem mystischen Pfad" nannte, nach einem Ausspruch, der dem Propheten zugeschrieben wird:

Lebe in dieser Welt, als seiest du ein Reisender, einer, der vorbeikommt, mit deinen Kleidern und Schuhen voller Staub. Manchmal sitzt du im Schatten eines Baumes, manchmal gehst du durch die Wüste. Sei immer ein Durchreisender, denn dies ist nicht dein Heim.

Dank ihrer tiefen Leidenschaft und Sehnsucht erkannten diese Mystiker die Wahrheit als "den Geliebten", und deshalb nannte man sie auch "die Liebenden Gottes". Erst einige Jahrhunderte nach dem Tod des Propheten wurden sie als Sufis bezeichnet. Möglicherweise bezog sich das auf das weiße wollene Gewand (suf), das sie angeblich trugen - die übliche Bekleidung der Propheten und Asketen des Altertums; vielleicht war es auch ein Hinweis auf die Reinheit des Herzens (safa), welche die Voraussetzung für ihre spirituelle Suche war. Das Wort "Sufi" könnte aber auch eine Ableitung des griechischen Wortes Sophia (Weisheit) sein.

Diese kleinen Gruppen und Zirkel, die sich um einen spirituellen Lehrer scharten, reiften mit der Zeit zu Bruderschaften und Orden heran. Diese nannte man Pfade (tariqa). Die Essenz des Pfades ist die Tradition, in der die Nachfolge der Lehrmeister eine ununterbrochene Kette der Weitergabe bildet. Das Bild des Pfades ist das einer Speiche - eine der unzähligen Speichen eines Rades, die von der äußeren Rundung (= das irdische Leben, das durch religiöse Gesetze beherrscht wird) zur Nabe (=die Höchste Wahrheit, das Herz der Herzen, der Geliebte) führt. Seit dem zwölften Jahrhundert haben sich diese Bruderschaften und Pfade zu festen Orden herausgebildet, wobei jeder den Namen seines Gründers trägt. Einer der spirituell machtvollsten Orden war der Naqshbandiyya, benannt nach Baha ad-din Naqshband (gestorben 1390). Dieser Pfad wurde auch der Pfad der Meister genannt, weil er auf Khwaja Yusuf al-Hamadani zurückgeht, den ersten der Khwajagan oder Meister der Weisheit. Die Meister der Weisheit waren eine machtvolle Linie von Sufi-Sheiks, die einen großen Einfluß auf das spirituelle Leben in Kleinasien im zwölften und dreizehnten Jahrhundert hatten. Die Naqshbandi-Dynastie läßt sich über Yusuf al-Hamadani und eine Reihe anderer Meister zurückverfolgen, einschließlich Abu Yazid al-Bistami 2, bis zum Schwiegervater des Propheten.

Seit den Anfängen konzentrierten die Lehrer des Naqshbandi-Pfades ihre Lehren auf eine Reihe von Prinzipien. Das erste und wichtigste ist die stille Sammlung auf Gott (dhikr khafii). Das ist die Sammlung des Herzens, die bei jedem Gedanken, bei jedem Schritt, bei jedem Atemzug praktiziert wird. Während andere Pfade ihr dhikr mit Musik, sakralen Gesängen und Tänzen praktizieren, betonte Baha ad-din Naqshband, daß das dhikr in der Stille praktiziert werden solle. Gott ist die stille Leere, und deshalb kann man Ihn am besten in der Stille erreichen.

Ein weiteres Prinzip ist die "Einsamkeit in der Menge". Anstatt den irdischen Pflichten auszuweichen und einen asketischen oder monastischen Weg zu wählen, lehren die Naqshbandi-Lehrer ihre Schüler, mitten im alltäglichen Leben zu stehen, ohne von seinen Maßstäben abhängig zu sein. So werden diese Wanderer ermutigt, ein "gewöhnliches" Leben zu führen, zu heiraten und eine Familie zu gründen, einen Beruf auszuüben und in der Welt zu arbeiten. Naqshbandis waren oft Handwerker, Schuhmacher, Weber (Baha ad-din Naqshband war vermutlich ein Töpfer), und diese Tradition ist heute noch lebendig. Viele Wanderer sind Künstler oder Handwerker oder Angehörige anderer Berufe. Und da sie nie eine besondere Kleidung tragen, können die Naqshbandis innerhalb der Gesellschaft arbeiten, ohne unpassende Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ohne eine Barriere zwischen sich und anderen aufzurichten. Da die Naqshbandi-Meister "völlig innerhalb des sozialen Rahmens der Kultur arbeiten, in der sie sich bewegen, haben sie im Mittleren Osten und in Zentralasien den Ruf erworben, hauptsächlich muslimische Pietisten zu sein"3. Tatsächlich gibt es Sufis, die in christlichen, hinduistischen und buddhistischen ebenso wie in muslimischen Gesellschaften arbeiten. Irina Tweedies Lehrer war ein Hindu, wohingegen sein Lehrer ein Moslem war.

Doch während der Naqshbandi "in der Welt" ist, muß er zugleich das Feuer seiner inneren Reise und der Hingabe an seinen Lehrer, den spirituellen Führer, hüten. Der Wanderer richtet seine Aufmerksamkeit stets in erster Linie auf die innere Welt des Herzens und seine Sehnsucht nach dem Geliebten, und auf diese Weise bleibt er frei von jeglicher Identifikation mit seinen äußeren Aktivitäten. Wahre Armut besteht nach der Naqshbandi-Tradition im Nichtanhaften. Das ist die Armut des Herzens.

In der scheinbar weltlichen Existenz des "gewöhnlichen" Lebens führen die Naqshbandi-Lehrer ihre Anhänger einen außerordentlich machtvollen Pfad der inneren Erfahrungen entlang. Die Intensität dieser Erfahrungen und der Mangel an jeglicher Sicherheit hämmert das Gefühl von Vertrauen und Ergebung in die Psyche des Schülers. Zugleich wird auch das Verständnis für die Bedeutung und Gewichtigkeit der "Bruderschaft" genährt. Während man die beständige Verwirrung und psychologische Verstörung aushalten muß, die durch die äußeren Situationen und inneren Zustände erzeugt werden, ist man nicht allein, sondern wird durch die Weggefährten auf dem Pfad gehalten und unterstützt.

Der Naqshbandi-Pfad hat eine starke psychologische Orientierung. Anstatt daß man intensiven physischen Unannehmlichkeiten ausgesetzt wird, wie das in manchen anderen Disziplinen der Fall ist, erlebt der Anhänger dieses Pfades vor allem psychologischen Druck. Aus diesem Grund wurden Träume und ihre Interpretation immer als wichtig erachtet.

Der Wert, den die Sufis den Träumen beimessen, ist durch früheste Sufi-Schriften belegt, in denen sich Ausführungen über Träume finden. Darin wird oft zwischen "wahren" und "falschen" Träumen unterschieden. "Wahre Träume" sind solche, die Führung anbieten, und ein Text beschreibt die "Wirklichkeit" solch eines Traumes, die "in den Ideen (liegt), die dem Herzen in jenem Zustand offenbart werden, der unser Herz nur dann überkommt, wenn der Schlaf unser Bewußtsein völlig überwältigt hat"4. Für den Sufi ist die "Wirklichkeit" immer eine Sache des Herzens.

Ein Sufi des neunten Jahrhunderts, dessen umfangreiches Schrifttum eine eindeutige Orientierung erkennen läßt, ist al-Hakim al-Tirmidhi. Obwohl al-Tirmidhi mehr als vier Jahrhunderte vor Baha ad-din Naqshband lebte, gehört er zu derselben Tradition und hat Baha ad-din in sehr direkter Weise beeinflußt, wie der letztere in der folgenden Aussage bestätigt. Die Bedeutung von al-Tirmidhis Einfluß kann man in der Anspielung auf einen mystischen Zustand erkennen, in dem der Sufi so sehr in der formlosen Wirklichkeit aufgegangen ist, daß er "gesichtslos" wird:

Zweiundzwanzig Jahre lang folgte ich den Fußspuren von al-Tirmidhi. Er hatte kein Gesicht, und nun habe ich kein Gesicht. Jene, die wissen, werden wissen, und jene, die verstehen, werden verstehen.5

In einer autobiographischen Skizze beschreibt al-Tirmidhi viele Träume, die ihm Führung gegeben haben.6 In einem sah er einen alten Mann in weißem Gewand und Schuhen, der zu ihm sagte:"Der Prinz sagt dir, du sollest gerecht sein." Viele Träume, erklärt er, haben - wie dieser - eine so offensichtliche Bedeutung, daß sie keiner Interpretation bedürfen. Interessanterweise beschreibt er auch Träume, die seine Frau für ihn hatte, in denen sie die Rolle einer "Botschafterin" spielte. In einem dieser Träume wurde ihr ein verdorrter Baum mit dürren Ästen gezeigt, der in einer steinigen Landschaft stand. Ein Vogel erschien, der sich auf dem Baum niederließ und von Ast zu Ast hüpfte. Wo immer der Vogel den Baum berührte, erschienen grüne Blätter und Bündel von Trauben. Sie erhielt die Botschaft, daß dieser Baum der Pflege bedürfe, sonst würde der Vogel nicht bis an die höchsten Zweige gelangen können, sondern nur bis zur halben Höhe des Baumes. Trauben sind ein machtvolles Sufi-Symbol und stehen für die esoterischen Lehren; und aus der Traube wird auch der Wein des Geliebten gewonnen, der den Sufi berauscht:

Solch ein Wein dein Blick, vor Liebe sich verzehrend,
den Liebenden dargeboten; dieses Wissen
Wurde nichtwissend und Vernunft ganz ohne Sinn.7

Auf diese Weise sagt der Traum al-Tirmidhi, daß er sich um den Baum seines Lebens kümmern müsse, damit der Vogel der göttlichen Inspiration ihn voll und ganz verwandeln könne, so daß er Trauben trage, um jene zu ernähren, die in einem spirituell unfruchtbaren Land leben.

Ein Sufi des 12. Jahrhunderts, Najm ad-din Kubra (1145-1220), Schüler von Yusuf al-Hamadani, sprach nachdrücklich von der Wichtigkeit der Träume und ihrer Deutung. Zu den Regeln des Pfades, wie "stetige Stille, stetiger Rückzug und stetige Sammlung auf Gott", zählte er auch "stetige Weisung eines Sheiks, der die Bedeutung unserer Träume und Visionen erklärt".8 Und Baha ad-din Naqshband selbst war bekannt als Deuter von Träumen.

Der Weg durchs Feuer

In diesem Jahrhundert gibt Irina Tweedie in Der Weg durchs Feuer einen zeitgenössischen, autobiographischen Bericht einer spirituellen Schulung durch einen Naqshbandi-Sufi-Meister. Er betrachtete ihre Träume als eine wichtige Führung für sie und verlangte, daß sie ein Tagebuch führe:

Ich möchte, daß Sie ein Tagebuch führen, alle Ihre Erfahrungen Tag für Tag niederschreiben. Und auch Ihre Träume festhalten. Sie müssen mir Ihre Träume erzählen, und ich werde sie Ihnen interpretieren. Träume sind von Wichtigkeit; sie sind Führer.9

In Der Weg durchs Feuer finden sich viele von Irina Tweedies Träumen, von denen einige interpretiert wurden, wie zum Beispiel der folgende Traum, der den langwierigen Prozeß illustriert, "nichts vor Gott" zu werden:

Traum: Ich betrachtete mich im Spiegel und stellte fest, daß ich sehr dünn und sehr blaß aussah und mein Haar in völliger Unordnung war.
Interpretation: Das ist ein sehr guter Traum! Dünn und dünner, bis nichts mehr übrigbleibt.10

Andere Träume hingegen werden nicht interpretiert, manchmal deshalb, weil es nicht an der Zeit war, die Bedeutung zu enthüllen, und manchmal, wie bei al-Tirmidhi, weil ihre Bedeutung klar genug ist - wie etwa, als Irina Tweedie träumte, daß sie in einem Krankenhaus war und ihr Herz von einem Arzt mit einem Stethoskop untersucht wurde. Zu diesem Traum sagte ihr Lehrer: "Das bedarf keiner Interpretation. Die Symbolik ist recht klar. Ihr Herz wird untersucht."11

Der Sufi-Meister in Der Weg durchs Feuer gehört zur Naqshbandi-Mujaddidi-Dynastie, die, wie ich schon erwähnte, der indische Zweig der Naqshbandiyya ist (benannt nach dem Sheik Ahmed Sirhindi, dem Mujaddid oder Erneuerer, 1564-1634). Obwohl Irina Tweedies Lehrer nichts über moderne Psychologie wußte, entdeckte sie, daß seine Methode der Schulung eindeutige psychologische Qualitäten hatte:

Die Entdeckung faszinierte mich immer mehr, daß die Schulung, die von der Tradition des Yoga vor Tausenden von Jahren entdeckt wurde, völlig identisch ist mit bestimmten modernen psychologischen Kriterien.12

Ein Aspekt der psychologischen Orientierung dieser Schulung war die Bedeutung, welche der Lehrer den Träumen und ihrer Deutung zuschrieb. Ein Traum, den Irina Tweedie hatte, veranlaßte ihn zum Beispiel, sie mitten in der Schulung von Indien zurück nach England zu schicken.13 Er sagte, bevor man einen Traum interpretieren kann, müsse man wissen, "woher der Traum kommt", denn es gibt viele verschiedene Arten von Träumen. So ist es auch in der Traumarbeit innerhalb unserer Gruppe wichtig, daß wir in der Lage sind, die jeweilige Art des Traums zu identifizieren, denn nicht immer ist es richtig, auf der psychologischen Ebene mit ihm umzugehen. Manche Träume kommen aus einem eher oberflächlichen geistigen Bereich, wo einfach vorangegangene Ereignisse und Eindrücke verarbeitet werden. Allerdings haben manchmal auch Träume, die scheinbar vordergründig sind, einen spirituellen Sinn, insofern, als bei jemandem, der sich dem Pfad verpflichtet hat, Karmas in Träumen beseitigt werden können:

Wenn Sie ernsthaft und mit aufrichtigem Herzen auf dem Pfad sind, werden Ihre Karmas von Ihnen genommen. Entweder müssen Sie sie in Ihrem täglichen Leben durchleiden, oder sie kommen in Gestalt von Träumen zu Ihnen. Eine Sekunde von Leiden im Traum entspricht drei Jahren Leiden im Leben. Wenn Sie sich auf dem Pfad befinden, werden Sie beschleunigt, und Sie gelten Karmas in Träumen ab. Bleiben Sie dem Pfad fern, zahlen Sie, sobald Sie sich dafür entschieden haben, voll im Alltag dafür. Aber einmal auf dem Pfad, wird Ihnen die Gnade Gottes zuteil, und die mentalen Karmas lösen sich in Träumen auf.14

Physische Karmas müssen im physischen Körper durchlitten werden, emotionale Karmas werden in der ungeheuren Sehnsucht nach Gott verbrannt, aber 99,5 Prozent der Karmas "werden in den Träumen behandelt".

Manche Träume sind "Träume aus früheren Leben" und beschreiben Geschehnisse aus früheren Inkarnationen, und als solche können sie nicht psychologisch interpretiert werden. Andere Träume haben prophetische Qualität und weisen auf zukünftige psychologische, spirituelle oder sogar physische Ereignisse hin. Irina Tweedie berichtet von einem "Zukunfts"-Traum, der auf den Prozeß des "Verschmelzens mit dem Lehrer", Fana fi'l-Sheik, hinweist - einen sehr wichtigen Teil des Sufi-Pfades15:

Traum: Ich war schwarz angezogen, als würde ich einen Vortrag halten. Ich schaute in den Spiegel und sah, daß ich einen Bart hatte...Ein weißer Bart, in der Art, wie ihn Moslems tragen, rahmte mein Gesicht ein. Auf den Wangen hatte ich sonst weiter keine Haare, nur den fast zehn Zentimeter langen Bart, der sich wie ein Lichtschein um meine untere Gesichtshälfte zog. Seltsam, damit trete ich also vor ein großes Publikum in aller Welt und halte Vorträge, und trotzdem lacht mich niemand aus, und keiner sagt, ich sei eine Frau mit Bart. Keiner scheint es zu merken...16

Viele Jahre später, als Irina Tweedie tatsächlich Vorträge vor "einem Publikum überall in der Welt" hielt, geschah es zuweilen, daß Zuhörer sie mit einem Bart "sahen".

Wer neu in der Gruppe ist, hat oft Träume, die auf zukünftige psychologische und spirituelle Entwicklungen hinweisen. Solche Träume können den Schüler ermutigen und ihm Orientierung geben, wie etwa im Fall einer Träumerin, die sah, daß ihre Augen sich verändert hatten und nun grüngolden waren, "tiefe Teiche der Stille und des Friedens"17. Manche prophetischen Träume können auch "Warn-Träume" sein. Zum Beispiel weist der folgende Traum darauf hin, daß mit viel emotionaler Verwirrung zu rechnen ist, die mit der Therapie zusammenhängt, der die Träumerin sich unterzieht, daß jedoch ihre Familie davon nicht beeinträchtigt wird, ja, daß sie es nicht einmal bemerken wird:

Eine Überschwemmung bedeckt das Land. Ich mache mir große Sorgen, aber meine Familie scheint nichts zu bemerken, sie sind mit ihren täglichen Angelegenheiten befaßt, d.h. mein Onkel geht einen Brief einwerfen.

Die Traum-Figuren illustrieren im allgemeinen Aspekte der eigenen Psyche, und ein Teil der Arbeit mit einem Traum besteht darin, die Bedeutung der verschiedenen Figuren im Traum zu erkennen. Warum hat zum Beispiel das Unbewußte einen Freund aus der Kindheit gewählt oder einen entfernten Verwandten? Die Assoziationen des Träumers zu der bestimmten Figur pflegen im allgemeinen den Schlüssel zu bieten. Oft weist das Gefühl, das die Traumfigur auslöst, auf die symbolische Bedeutung hin; eine bestimmte Person ruft ein bestimmtes Gefühl hervor, und es ist dieser Aspekt unserer selbst, den der Traum in ein Bild faßt. Und wenn jemand von seinem Lehrmeister träumt, bezieht sich dies im allgemeinen auf den inneren Lehrer, den "weisen Alten" oder "die weise Alte", die eine Personifikation des Höheren Selbst darstellen.

Manchmal hat jemand auch einen Traum, der einem anderen gilt, wie Träume von al-Tirmidhis Frau. Das geschieht auch gelegentlich in unserer Sufi-Gruppe, und der folgende Traum vermittelt dem Betroffenen die deutliche Botschaft, daß er nun bereit sei, das höchste Opfer zu bringen, welches das spirituelle Leben fordert. Ein Mitglied der Gruppe hatte einen Traum, in dem jemand anders aus der Gruppe eine rote und eine weiße Rose in eine Vase stellte, und dann sagte der Lehrer zu dieser Person: "Jetzt bist du am spirituellen Leben interessiert." Die Symbolik des Traums bezieht sich auf den (englischen) Brauch, einem Patienten im Krankenhaus nie einen Strauß von roten und weißen Blumen zu schenken, weil diese Kombination mit dem Tod assoziiert wird. Das spirituelle Leben fordert den "Tod" des Ego.

Bei manchen Gelegenheiten geben Träume auch spirituelle Belehrungen, wie in den beiden folgenden Träumen; der erste stammt aus dem neunten Jahrhundert, der zweite aus unserer Zeit. Der Sufi Abu Yazid al-Bistami, der im neunten Jahrhundert lebte, hatte einen Traum, und in diesem Traum fragte er Gott: "Auf welche Weise kann ich zu Dir gelangen?" Er erhielt die einfache Antwort: "Durch die Entsagung vom Ich. Entsage dir selbst und gehe beharrlich weiter."

Kürzlich befand sich einer meiner Freunde in einem Zustand großer Verwirrung - nichts in seinem Leben schien wirklich einen Sinn zu haben. Da erhielt er einen Traum. Er befand sich in einem Haus, das seine Verwirrung repräsentierte. Er verließ das Haus und begegnete einem Mann und einer Frau. Er wußte, daß die Frau ihm die Wahrheit sagen würde, und zuerst weigerte er sich, ihr zuzuhören. Doch dann sprach sie zu ihm und sagte: "Deine Verwirrung kommt daher, daß du vom Haus Gottes weggelaufen bist." Dem Sufi aus dem neunten Jahrhundert und dem Mann des zwanzigsten Jahrhunderts half gleicherweise ein Traum auf ihrem Weg zu Gott.

In seiner autobiographischen Skizze berichtet al-Tirmidhi ebenfalls von einem "Lehr-Traum", in dem ihm ein Stuhl in der Wüste gezeigt wurde, und es wurde ihm gesagt: "Dies wird dich zu Gott führen." Damit wurde ihm gesagt, daß sein Pfad zu Gott darin bestand, ein spiritueller Lehrer zu sein. Beide Träume, sowohl dieser als auch der Traum von Abu Yazid, scheinen eher Erfahrungen auf einer anderen Bewußtseinsebene als richtige Träume zu sein. Denn wenn der Körper schläft, ist die Seele frei: "Der König ist nicht in seinem Schloß, der Gefangene ist nicht in seiner Zelle"; es gibt neben der physischen Ebene noch andere Ebenen der Existenz. Als Irina Tweedie ihrem Lehrer einen Traum erzählte, sagte er: "Viele große Wesen erscheinen in den Träumen; es sind viele Höhere auf unserer Linie."18

Träume, die "Erfahrungen" sind, haben eine besondere Qualität, sie sind sehr leicht zu erkennen, wenn der Träumer sie erzählt. Solche Träume kann man nicht psychologisch interpretieren; sie sind vielmehr ein Versuch des Verstandes, so gut wie möglich eine Erfahrung zu übermitteln, die zu einer Bewußtseinsebene gehört, die völlig anders ist als diejenige unserer Alltagswelt. Die Träume von Abu Yazid und al-Tirmidhi können von unserem Verstand begriffen werden. Wir können auch den Traum verstehen, in dem der Meister fragt: "Hast du jemals die Erfahrung gemacht, den Aufruhr erlebt, jemanden zu lieben?" In anderen Fällen hingegen weisen sie auf eine Ebene der Wirklichkeit hin, die völlig jenseits unserer mentalen Verständnismöglichkeiten liegt. Jemand erzählte seinen Traum, in dem die Lehrerin darüber sprach, daß sie eine Reise ins innerste Herz der spirituellen Welt - die sie als Musik erlebte - gemacht habe, und als sie zurückgekommen sei, steckten einzelne Noten wie Stäbchen aus Licht in ihren Kleidern und Schuhen, ähnlich, als ob man Sand in den Schuhen findet, nachdem man am Strand gewesen ist.

Viele Träume sind jedoch hauptsächlich psychologischer Art und beschreiben symbolisch den Prozeß der inneren Wandlung. Der Gebrauch der modernen Psychologie und ihres Traumverständnisses hilft dem Wanderer, aus diesen Träumen und der Führung, die sie anbieten, Nutzen zu ziehen. Der Sufismus ist durch all die Zeitalter hindurch lebendig geblieben und bewahrte seine Dynamik, indem er sich den Zeiten anpaßte und sich mit ihnen veränderte, während er zugleich der Essenz der Tradition treu blieb. Die Psychologie bietet eine unserer Zeit entsprechende Sprache, mit deren Hilfe der Wanderer das ewige Drama der Seele besser verstehen kann, ein Drama, das sich in jedem abspielt, der sich darauf eingelassen hat, die einsame Straße zur Wahrheit zu wandern.


Anmerkungen

1. Irina Tweedie, Der Weg durchs Feuer, S. 476f.
2. Idries Shah, The Way of the Sufi, S. 9.
3. Ebd., S. 155.
4. Abu'l Qasim Qushayri, Al-Risalatu'l-Qushayriyya Fi 'Ilmi'l-Tasawwue, S. 607-8.
5. Al-Anwar al-Kudsiva (The Divine Lights of the Naqshbandi Path) ins Engl. übers. von Sara Sviri.
6. Al-Tirmidhî, Bad'u al-Sha'n (The Beginning of My Story).
7. Hafez, quoted by J. Nurbakhsh, Sufi Symbolism, Bd.1, S 149.
8. Zit. in Annemarie Schimmel, Mystical Dimensions of Islam, S. 225.
9. Irina Tweedie, Der Weg durchs Feuer, S. 31.
10. Ebd., S. 203.
11. Ebd., S. 151.
12. Irina Tweedie, in Islam, Sufism, and Jungian Psychology, Hrsg. M. Spiegleman.
13. Irina Tweedie, Der Weg durchs Feuer, S. 402ff.
14. Ebd., S.93f.
15. Siehe dazu, S. 85.
16. Irina Tweedie, Der Weg durchs Feuer, S. 727.
17. Ebd, S. 167.
18. Irina Tweedie, Der Weg durchs Feuer, S.431


Ausgewählte Bibliographie

Abu'l Qasim Qushayri: Al-Risalatu'l-Qushayriyya Fi 'Ilmi'l-Tasawwue, 1045-6.

al-Tirmidhî: Bad'u al-Sha'n (The Beginning of My Story). Private translation.

Nurbakhsh, J.: Sufi Symbolism, London: Khaniqahi-Nimatullahi Publications, 1984.

Shah, Idries: The Way of the Sufi, London: Penguin Books, 1974.

Shushud, Hasan: Masters of Wisdom of Central Asia, Ellingstring: Coombe Springs Press, 1983.

Spiegleman, Marvin: Buddhism and Jungian Psychology, Phoenix, Arizona: Falcon Press, 1985.

Tweedie, Irina: Der Weg durchs Feuer. Interlaken: Ansata Verlag, 1989.


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