The Golden Sufi Center

2012: Wach sein für einen Moment in der kosmischen Zeit

von Llewellyn Vaughan-Lee

Veröffentlicht in Common Ground Dez 11 / Jan 12


Worin liegt die Bedeutung dieses bevorstehenden Moments, der Wintersonnenwende 2012? An diesem Tag in der kosmischen Zeit soll -- so heißt es -- unser Sonnensystem auf das Zentrum unserer Galaxie ausgerichtet werden. Es gibt viele verschiedene Interpretationen dieses Ereignisses. Nach dem Kalender der Maya markiert es das Ende eines Großen Zyklus von 26.000 Jahren. Bedeutet dieses "Ende der Zeit" eine globale Katastrophe oder den Beginn eines Goldenen Zeitalters? Die Wahrheit ist, dass niemand es weiß. Dennoch wird unsere Aufmerksamkeit von diesem Moment in der Zeit angezogen, wie die Motten vom Licht. Kommt es daher, weil wir in unserer entseelten, materialistischen Kultur nach etwas suchen, das unserer alltäglichen Existenz einen tieferen Sinn geben kann? Trägt dieser Tag im Dezember für uns alle ein echtes Geheimnis in sich?

Wenn wir uns diesem Datum mit offenem Geist nähern wollen, brauchen wir zunächst ein gewisses Verständnis von Zeit. Die Maya hatten ein tiefes spirituelles Wissen über die Zeit, ihre Zyklen und ihre kosmischen Dimensionen. Sie entwickelten ihre Kultur und erbauten sogar ihre Städte auf der Grundlage dieses Wissens in Verbindung mit ihren präzisen Beobachtungen der himmlischen Ereignisse. Unsere Kultur hingegen hat eine sehr begrenzte, lineare Vorstellung von Zeit. Wir verstehen Zeit als einen Strom von Ereignissen, der an uns vorüberzieht und nicht wiederkehrt, und in diesem linearen Zeitgeschehen fühlen wir uns oft eingeengt und gefangen. Es gibt "nie genug Zeit". Wir werden von der Zeit gehetzt und getrieben -- von den Tagen, Stunden und Minuten, die wir mit den Anforderungen und Ereignissen unseres Lebens vollstopfen. Wir erschaffen Terminpläne wie Zugfahrpläne und versuchen unser Leben auf diese Weise zu ordnen. Wir haben die Flexibilität der Zeit, ihre tieferen Rhythmen und ihre spirituelle Dimension vergessen.

Obwohl wir oftmals so leben, als ob wir in der Zeit gefangen wären, sagen uns spirituelle Lehren, dass die Zeit selbst eine Illusion ist. Sie wurde durch unseren Verstand erschaffen und gehört nicht der spirituellen Realität des Selbst an, unserer wahren Natur. In der Dimension des Selbst existiert ausschließlich der gegenwärtige Augenblick, ausschließlich das Jetzt -- keine Vergangenheit, keine Zukunft. Aus diesem Grund betonen spirituelle Lehren, dass es wichtig ist, im Augenblick gegenwärtig zu sein. Deswegen ist auch die grundlegende spirituelle Übung des Beobachtens des Atems von großem Wert. Atmen kann man weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft. Wenn man seinen Atem beobachtet, ist man sich des gegenwärtigen Augenblicks bewusst, und nur in diesem gegenwärtigen Augenblick kann man für die Wirklichkeit der Existenz erwachen. Nur im gegenwärtigen Augenblick können wir das Leben erfahren, wie es wirklich ist. Und nur im gegenwärtigen Augenblick können wir die Süße einer Erdbeere schmecken und den Duft einer Rose riechen. Der gegenwärtige Augenblick ist das Einzige, was wirklich existiert.

Gefangen in der Illusion der Zeit kämpfen wir darum, im Moment gegenwärtig zu sein. Wir üben die Achtsamkeit im Jetzt und versuchen den unwirklichen Konflikten und Kämpfen unseres Egos zu entkommen. Nur im gegenwärtigen Augenblick können wir für unsere göttliche Natur erwachen. In der Wirklichkeit unserer wahren Natur, dem Selbst, befinden wir uns immer außerhalb der Zeit, immer im gegenwärtigen Augenblick. So verhält es sich auch mit der Wahrheit der Liebe -- nicht mit unseren Leidenschaften und Projektionen, sondern der Liebe in unserem Herzen. In den Tiefen unseres Herzens existiert keine Zeit, sondern ausschließlich die Essenz der Liebe, wie Rumi ausruft: "Tritt heraus aus dem Kreis der Zeit und hinein in den Kreis der Liebe." Wir kennen diesen zeitlosen Zustand der Liebe in Momenten, in denen sich unser Herz öffnet und wir sagen "Ich liebe dich für immer und ewig". Im ewigen Moment existiert keine Zeit und die Liebe ist unendlich. Doch traurigerweise kehren wir aus diesen Momenten jenseits der Zeit, aus der Süße dessen, was ist, in unsere von der Zeit getriebene Kultur mit ihren Tagen und Stunden und Uhren und Terminplänen zurück. Und wieder nimmt uns die Zeit gefangen.

Wenn wir die Dimension Zeit verstehen wollen, ist es wichtig zu erkennen, dass unsere Beziehung zur Zeit nicht universell ist. Die Moken zum Beispiel -- See-Zigeuner, die in Südost-Asien leben -- leben ausschließlich im Moment. In ihrer Sprache existiert kein Wort für Zeit -- und kein Wort für Sorgen! Sie haben auch keine Begriffe für "Hallo" oder "Auf Wiedersehen". Es gibt keine Begrüßung. Man kommt, bleibt für einige Minuten oder einige Jahre und geht dann wieder. Man ist entweder da oder nicht da. Die Moken leben nur mit wenig Besitz im gegenwärtigen Moment, essen, wenn sie hungrig sind und schlafen, wenn sie müde sind.

Als im Jahr 2004 der Tsunami herannahte, wussten die Moken, was kommen würde und wie sie darauf reagieren müssen. Wie konnten sie das wissen? "Das Wasser wich sehr schnell zurück und eine Welle, eine kleine Welle kam und sie erkannten, dass dies ungewöhnlich war ... außerdem bewahren sie eine Art Legende über die sieben Wellen, die von Generation zu Generation weitergegeben wird." Die Moken waren nicht nur wach im gegenwärtigen Augenblick, sie waren auch auf das Wissen ihrer Vorfahren eingestimmt, wendeten sich demzufolge von der Küste ab und fuhren mit ihren Booten ins tiefere Wasser hinaus, wo sie den Tsunami heil überstanden. Auf die Frage, warum sie überlebt und die burmesischen Fischer ihr Leben verloren hätten, gaben sie die einfache Antwort, dass die Burmesen "nichts gesehen haben. Sie wissen nicht, wie man schaut."

Es existiert eine Zeit, die sowohl alt als auch gegenwärtig ist und dem gegenwärtigen Augenblick angehört. Die Aborigines in Australien leben aus ihrer Tradition heraus in einer solchen Beziehung zur Zeit. Für sie ist jeder Moment eine Gelegenheit zu dem ursprünglichen Augenblick zurückzukehren, in dem die Traumzeit in die Existenz kommt. Sie betrachten Zeit nicht als lineare Aufeinanderfolge von Ereignissen, sondern als einzigen Augenblick -- in dem das Träumen geboren und der Sinn der Existenz manifest wird. Dies ist der Augenblick, in dem sie lebendig sind.

In unserer Kultur haben wir jegliches tiefere Verständnis von Zeit, von der Kraft des gegenwärtigen Augenblicks und den zeitlichen Zyklen und Rhythmen verloren. Frauen haben eine engere Verbindung zu dieser tieferen Dimension der Zeit, da sie die Zyklen des Mondes in ihrem Körper tragen. Frauen können auch leichter in die zeitlose Welt der Kinder eintreten.

Doch vor nur wenigen Jahrhunderten lebten auch wir im Westen noch in einer ganz anderen Beziehung zur Zeit.

Im frühen Mittelalter zum Beispiel, als die Menschen noch keine Uhren hatten, war Zeit der Zyklus der Jahreszeiten, das Säen und Ernten, und die Tage waren nicht in Stunden eingeteilt, sondern man orientierte sich an dem Rhythmus von Licht und Dunkelheit. Wenn ein Bauer überhaupt eine Beziehung zur Zeit hatte, dann durch die Glocken des Klosters, die über die Felder hinweg zu hören waren und die Zeiten für das Gebet einläuteten. Vespern, Komplets und Laudes waren ein Ruf zum Gebet, für den Gläubigen die Zeit für Gott.

Wir hingegen hetzen durch unsere Tage, sind Sklaven eines Zeitkonzepts, das uns weder nährt, noch uns mit unseren Seelen oder dem Jahreszyklus verbindet. Wir haben das Verständnis für die tieferen Rhythmen unseres Seins -- wie unser Leben und unser Herzschlag mit den Bewegungen der Sterne und Jahreszeiten im Einklang sein können -- verloren. Wir ringen darum, im gegenwärtigen Moment zu leben, und brauchen spirituelle Übungen und Lehren, um im Leben präsent zu sein -- etwas, das für jedes Kind ganz natürlich ist. Dennoch wird unsere Aufmerksamkeit von diesem Moment in der kosmischen Zeit, Dezember 2012, angezogen, dem Ende des Großen Zyklus der Maya.

Wenn Zeit eine Illusion ist, wenn nur der gegenwärtige Moment existiert, warum spielt es dann überhaupt eine Rolle? Worin liegt dann die Bedeutung eines speziellen Augenblicks in der Zeit? Shakespeare verstand, dass bestimmte Momente eine besondere Bedeutung haben und eine Gelegenheit mit sich bringen können, die sich kein zweites Mal bietet:

Es gibt Gezeiten auch für unser Tun,
Nimmt man die Flut wahr, führet sie zum Glück;
Versäumt man sie, so muss die ganze Reise
Des Lebens sich durch Not und Klippen winden.

In Julius Caesar verwendet Shakespeare das Bild des Segelschiffs, das den höchsten Punkt der Gezeiten abwarten muss, um aufs Meer hinaus zu kommen, doch eigentlich bezieht er sich dabei auf die esoterische Tatsache, dass es im Leben Momente gibt, die eine Gelegenheit in sich tragen, in denen sich eine Tür öffnet, die uns Zugang zu einer ganz anderen Kette von Ereignissen, zu einer anderen Wirklichkeit gewährt. Wenn wir diesen Moment erkennen, können wir in unserem Leben eine Veränderung erreichen, die wir sonst verpassen würden.

In solchen Momenten ist eine Energie präsent, die uns dazu befähigen kann, einen bestimmten Übergang zu vollziehen, einen Bewusstseinssprung zu machen. Aus diesem Grund betonen spirituelle Praktiken die Wichtigkeit des Beobachtens, des Übens einer empfänglichen Achtsamkeit, "wie die Katze vor dem Mauseloch, unendlich entspannt und unendlich wachsam", wie der Sufi Mystiker Nuri es beschrieb. Wir lernen die Zeichen in der inneren und äußeren Welt zu beobachten, Ereignisse und Synchronizitäten wahrzunehmen, aufmerksam zu sein für unsere Träume. Viele von uns haben einen solchen transformativen Moment erlebt -- zum Beispiel das Zusammentreffen mit einem Lehrer, der unser Leben für immer verändern kann. Doch wir müssen wachsam sein, um diesen Moment zu erfassen. Andernfalls, um mit T.S. Eliot zu sprechen: "Wir hatten die Erfahrung, haben aber ihre Bedeutung verpasst." Dann verbleiben wir in unseren alten Mustern und nichts ändert sich, unser Leben "muss sich durch Not und Klippen winden".

Könnte es sein, dass wir uns kollektiv auf solch einen entscheidenden Moment zubewegen, in dem unserem Planeten eine Gelegenheit gegeben wird, die sich nur alle 26.000 Jahre bietet? Sind wir wach für die Möglichkeit eines solchen Moments, oder sind wir in den Mustern unserer Konditionierungen, auch unserer spirituellen Konditionierungen, gefangen und von daher nicht in der Lage, umfassend darauf zu reagieren? Wir sehen die Krise überall um uns herum -- sei es die beispiellose Vernichtung der Arten, die globale Erwärmung oder die globale ökonomische Instabilität. Unser materialistischer Lebensstil kann so nicht mehr aufrecht erhalten werden, aber der größte Teil des Kollektivs scheint sich nicht verändern zu wollen. Unsere Wünsche legen uns Scheuklappen an, während wir uns immer schneller auf ein globales ökologisches Desaster zubewegen.

Sind wir wirklich aufmerksam für das, was spirituell und ökologisch geschieht? Wagen wir es in diesem Moment unserer Zeit vollständig präsent zu sein, während die Dunkelheit des Materialismus unseren Planeten verschlingt und seine lebenserhaltenden Systeme zerstört? Was könnte es bedeuten, wenn die Wintersonnenwende 2012 der Moment ist, auf den wir gewartet haben? Ist das der Moment, in dem wir endlich für das, was wir angerichtet haben, die Verantwortung übernehmen müssen, für den Schaden und die Zerstörung, die wir auf diesem wunderbaren Planeten verursacht haben? Ist das der Moment, in dem wir uns als Kollektiv verändern können, in dem sich eine Tür zwischen den Welten öffnet und der Menschheit eine einzigartige Gelegenheit gegeben wird, sich weiter zu entwickeln und der Welt zu helfen? Oder müssen wir Verantwortung übernehmen, um für die Möglichkeit einer globalen Transformation wach zu sein? Lesen wir die Zeichen in der inneren und äußeren Welt oder hören wir stattdessen auf die Slogans, die uns immer weiter einlullen?

Es ist wichtig, sich darüber klar zu werden, dass es in jedem Moment einer möglichen Transformation Kräfte gibt, die versuchen, diese Veränderung aufzuhalten oder zu verhindern. Wir kennen das von unserer persönlichen Reise, wenn unsere negativen Muster uns gefangen halten, wenn die Dunkelheit im Inneren versucht, jegliche Bewusstseinserweiterung zu verhindern. Die Dunkelheit will das Licht nicht. Unsere niedere Natur versucht uns im Griff zu behalten. Genauso wollen die Kräfte der Gier der Großunternehmen und Konzerne, die unsere Welt scheinbar beherrschen, keine Veränderung, die ihre Macht schmälert. Sie vergiften unsere Seelen und unseren Planeten mit den Bildern des Materialismus, halten uns in einem Schlafzustand und sorgen dafür, dass es zunehmend schwieriger wird aufzuwachen. Wach zu sein für jede Möglichkeit der Veränderung erfordert, dass wir uns aus ihrer Umklammerung lösen und uns von den kollektiven Bildern von Wünschen und Wohlstand, die uns manipulieren, befreien.

Um wach zu sein, brauchen wir Energie. Wir brauchen unsere eigene Kraft, um aufmerksam zu sein. Es könnte sein, dass dieser herannahende Moment für unsere kollektive Evolution entscheidend ist. Wenn wir weiterhin in einem Schlafzustand verharren, werden wir dann die Flut, die Gelegenheit für eine heilende globale Veränderung verpassen?

Jeder Moment ist eine Gelegenheit wach, vollständig präsent und lebendig zu sein. Doch spirituelle Lehren besagen, dass es Momente gibt, auf die man aktiv warten muss, weil sie eine größere Gelegenheit mit sich bringen. Es sind Momente, die nicht nur zu der Aufeinanderfolge von Tagen gehören, sondern auch zu den Mustern der Seele und den Rhythmen des Kosmos. Es gibt Momente, in denen Zyklen zusammenkommen, in denen unsere individuelle und unsere kosmische Bestimmung aufeinander ausgerichtet werden. Die Prophezeiungen der Maya besagen, dass die Wintersonnenwende 2012 ein solcher Moment sein wird, ein noch nie da gewesenes Ausgießen kosmischer Energie. Er wird ein Ende und ein Anfang sein, ein Tod und eine Geburt. Ein derartiger Energiestrom kann schöpferisch und zerstörerisch sein. Wenn diese Prophezeiung wahr ist, bringt dieser Moment eine Möglichkeit für Veränderung mit sich, die jenseits unserer Vorstellungen liegt.

Werden wir für diesen Moment voll und ganz wach sein? Werden wir versuchen, an unseren alten Mustern festzuhalten? Sind wir darauf vorbereitet, unsere Bilder von Sicherheit aufzugeben und uns einer Energie der Veränderung hinzugeben, die alles bewirken kann?

Das Leben bietet uns immer eine Möglichkeit und eine Wahl. Für jene, die die Zeichen lesen können, ist es nicht schwer zu sehen, dass sich in der inneren und der äußeren Welt große Veränderungen vorbereiten. Viele von uns fühlen diese Veränderungen auch in ihren Träumen -- sie sehen einen inneren Tsunami herannahen. Worauf es wirklich ankommt ist nicht, ob die Prophezeiungen der Maya sich an diesem Tag im Dezember bewahrheiten, sondern ob wir in diesem Moment der Zeit unseres Planeten wach sind. Werden wir sein wie die Moken, aufmerksam für die Veränderungen, die um uns herum geschehen, und von daher in der Lage, zu einem tieferen Wissen Zugang zu bekommen, das uns vermittelt, wie wir reagieren müssen? Oder werden wir sein wie die burmesischen Fischer, die durch den Tsunami vernichtet wurden, weil sie nicht wahrgenommen haben, weil sie nicht wussten, wie man schaut?

golde line