The Golden Sufi Center

Die Achse der Liebe


Llewellyn Vaughan-Lee


Die Liebe ist die Grundlage der Existenz
Und ihre Ursache.
Sie ist der Anfang der Welt
Und was sie erhält.

— IBN 'ARABI(1)


DIE WELT DREHT SICH AUF EINER ACHSE DER LIEBE

Die Achse der Liebe verläuft durch die Schöpfung und trägt die Energie der Liebe zu jedem Atom. Sie bringt Farbe in die Welt—all die verschiedenen Schattierungen und Variationen Seiner Liebe, die dem Leben Sinn und Schönheit verleihen. Ohne sie gäbe es keine Freude, keine Hoffnung und keine Liebe in der Welt.

Die Achse der Liebe singt das Lied Seiner Schöpfung, die Freude Seiner Manifestation, das wahre Wunder Seiner Welt. Es ist die Achse des „Er liebt sie, und sie lieben Ihn“, auf der das gesamte Leben eine Liebende ist, die sich nach dem Geliebten sehnt. Diese Anziehungskraft Seiner Liebe hält das Leben zusammen; sie gibt allem in der Schöpfung Bedeutung und Nahrung.

Die Achse der Liebe schwingt auf einer sehr hohen Frequenz, die sie sogar für das innere Auge fast unsichtbar sein lässt. Doch sie ist eine äußerst machtvolle Energiekonzentration, die das Leben stärker nährt, als uns klar ist. Wie der Magnetkern der Erde schafft die Achse der Liebe ein Magnetfeld, das unseren Planeten vor den Kräften der Dunkelheit schützt. Sie spricht auch zum Herzen eines jeden sich Gott zuwendenden Suchers und erinnert uns an unsere wahre Natur und an die Liebe, die im Kern unseres Seins wohnt. Im weiteren Sinne nährt sie die gesamte Schöpfung, indem sie jedes Atom an seinen Schöpfer und an das Band der Liebe zwischen Schöpfer und Seiner Schöpfung erinnert.

Es ist eines der Wunder der Schöpfung dieser Welt, dass diese Achse der Liebe in jedem Sandkorn, jedem Regentropfen, jedem Lachen, jeder Träne gegenwärtig ist. Aber die Dichte der Welt begrenzt den Strom Seiner Liebe durch sie. Die Dunkelheit der Menschen, die Gier und Korrumpiertheit koppeln sich an die Dichte an und erzeugen Felder negativer Energie, die auf den inneren Ebenen deutlich zu erkennen sind. Dadurch ist der natürliche Fluss von Liebe und Licht, der das Leben in den inneren und äußeren Welten nähren soll, blockiert worden. Die Verbreitung des materialistischen Wertesystems, das die Heiligkeit der Erde leugnet, hat das Problem globalisiert. Es gibt nur noch wenige Orte, an denen die Energie frei fließen kann, so, wie nur noch wenige Stellen in der physischen Welt keine Umweltverschmutzung aufweisen. Die kollektive Haltung der Menschheit hat sehr folgenschwere Auswirkungen für das innere Genährtwerden der Welt.

Da die Herzen der Mystiker dem Geliebten angehören, können sie viele der Widerstandsmuster umgehen, die den Fluss der Liebe und des Lichts in der Welt behindern. Die Achse der Liebe ist am unmittelbarsten über das Herz zugänglich, weil unser Herz als das Organ der göttlichen Erkenntnis und der göttlichen Liebe fungiert. Über das Herz sind wir auf das Zentrum unseres Seins und auf die Achse der Liebe, die sich durch die Schöpfung zieht, ausgerichtet. Seine Liebe fließt durch die Herzen derer, die Ihn lieben, deren Herzen Er erweckt hat, in die Welt, und die Achse der Liebe ist in ihnen bewusst gegenwärtig und nicht verhüllt, wie in den Herzen derer, die ihren eigenen Wünschen folgen und nur die Dimension ihres Ego-Selbst kennen. Seine Liebenden tragen das Bewusstsein von der göttlichen Liebesgeschichte, welche die Schöpfung ist: „Ich war ein verborgener Schatz und sehnte mich danach, geliebt zu werden, also erschuf ich die Welt.“

Es ist schon immer die Arbeit der Sufis und anderer Gottesliebender gewesen, die Achse der Liebe rein zu halten und zu schützen, damit sich die Welt ohne Ablenkung auf ihr dreht und Seine Liebe in die Schöpfung fließen kann. Durch unsere Gebete, unsere Übungen und die Offenheit unserer Herzen sind wir an der Achse der Liebe gegenwärtig. Unsere Liebe zu Gott, die Liebe zwischen Liebendem und Geliebten, singt an ihr entlang. Auf diese Weise leben wir sie in dieser Welt hier.

Die Liebenden kümmern sich um die Achse der Liebe in der Welt durch die Schlichtheit ihrer Hingabe, indem sie ihre Herzen rein halten und die Aufmerksamkeit ihrer Herzen Gott zuwenden, während sie ihren Alltag leben. Wie wir die Liebesgeschichte leben, die die Schöpfung ist, sieht für jeden von uns anders und einzigartig aus. Keine zwei Wege der Liebe gleichen sich. Aber alle Liebenden leben dieselbe Achse der Liebe. Sie ist in unseren Herzen lebendig und in einem jeden Atemzug gegenwärtig. Und wenn wir Ihn erinnern, singt sie in uns und nährt das Leben auf verborgenste und wundervollste Weise.

Alles im Leben ist eine Liebende, die auf ihren Geliebten wartet. So, wie die Liebe Menschen anzieht und sich vereinen lässt, so führt sie alles zur Vereinigung zurück. Gäbe es keine Liebe, die die Schöpfung zusammenhält, würde alles auseinander fallen. Jedes Molekül wirkt mit in dem Spiel der Liebe und Sehnsucht, das Sein Antlitz verhüllt und offenbart. Wir erfüllen unseren Teil in dieser Liebesgeschichte auf die einfachste Art—indem wir mit Liebe im Kontakt mit anderen sind, indem wir mit Liebe kochen oder putzen, indem wir unseren Alltag mit Gottgedenken und Achtsamkeit leben, was für den Sufi das Gewahrsein des Herzens ist.

Durch dieses Gewahrsein erkennen wir unseren Geliebten in Seiner Welt: Wir erblicken Sein Antlitz sowohl in der Schönheit wie im Chaos—in einem sommerlichen Sonnenaufgang wie auch im Stau des Berufsverkehrs. Die Liebe ist in uns und in allem, was uns begegnet—sie ist im Schrillen des Weckers und im Duft des Toasts. Wenn wir Ihn mit unserem Herzen erinnern, wenn wir Seinen Namen mit Hingabe wiederholen, sind wir die Note der Liebe in der Welt. Unsere Herzen gehören dann zur schwingenden Achse Seiner Liebe zu Seiner Welt. Unsere Aufgabe ist es, diese Achse der Liebe zu leben und sie rein zu halten, genau wie wir dafür sorgen, dass unsere Herzen rein sind und poliert.

Es gibt vielerlei Ablenkungen, die uns diese Liebesarbeit vergessen lassen. Unsere Psyche bietet uns endlos Probleme, die Welt lockt mit so zahlreichen Attraktionen. In unserer Kultur halten wir die Liebe für etwas Spezielles, für ein Privileg, das einigen von liebevollen Eltern in die Wiege gelegt worden ist. Wir jagen der Liebe in Beziehungen hinterher, ersehnen sie in Freundschaften oder Liebesaffären. Wir versuchen sie unseren Kindern zu geben. Wir packen unsere Vorstellungen von Liebe in Hoffnungen und Enttäuschungen, Befürchtungen, Ängste und Selbstverurteilung. Wir machen sie zum Anhängsel unserer psychologischen Probleme.

Wir können dieser Zerrissenheit in uns, unserem Mangel an Selbstwert, unserer Eifersucht und unserer Wut treu bleiben. Wir können die Liebe nach außen projizieren und den Fantasien und Sehnsüchten unseres Egos hinterherlaufen. Oder wir erkennen die Selbstverständlichkeit, das Alltägliche, der Liebe an. Dann können wir erfahren, dass die Liebe die Ursubstanz der Schöpfung ist. Wir können den Faden der Liebe in uns und im Leben finden und allmählich die vielen Spielarten der Offenbarung Seiner Liebe erkennen. Fakhruddîn 'Irâqî drückt das folgendermaßen aus:

Seine Lieblichkeit besitzt
Hunderttausende Gesichter;
Schau dir ein jedes schöne davon an
In all den verschiedenen Atomen.
Denn Er kann nicht anders,
als in jedem einzelnen Staubkorn
Einen anderen Aspekt
Seiner Schönheit zu zeigen. (2)

Schauen wir erst einmal unter die Oberfläche, können wir überall die Liebe finden. Es gehört zur spirituellen Praxis, das zu erkennen—den Faden der Liebe wahrzunehmen, der in alles eingewoben ist. Dann sind wir bewusst Mitwirkende an der Liebesgeschichte, die das Leben ist. Das gehört zu dem Mysterium, Sein Antlitz zu erblicken „wohin du dich auch immer wendest“.

Erwachen wir zur Gegenwart der Liebe und beginnen, das gesamte Leben als eine Weise Gott zu lieben, zu betrachten, öffnet sich etwas in uns und wir erfahren dieses Geheimnis der Liebe in den alltäglichsten, gewöhnlichsten Dingen. Wenn wir die Autotür öffnen und mit Liebe und Erinnern die Tüte mit den Lebensmitteln herausholen, sind wir unmittelbar an dieser Liebesgeschichte der Schöpfung beteiligt. Wir atmen mit dem Atem Gottes, lieben mit der Liebe Gottes bei allem, was wir tun. Auf die Art transportieren wir das Wissen von Seiner Liebe für die Welt und helfen dem Leben, mit der Note der Liebe lebendig zu werden.

Seine Liebe ist nicht immer süß, oft ist sie bitter, manchmal sogar sehr profan. Sie ist einfach und wird sehr leicht übersehen. Sie ist eine Weise, mit dem Leben in Beziehung zu treten, eine Weise zu erkennen, was wirklich ist, eine Weise, Ihn zu erinnern. Und haben wir erst einmal eine Ahnung von dieser Liebe bekommen, braucht es unsere ständige Aufmerksamkeit, braucht es die Arbeit eines auf die Liebe eingestimmten Herzens. Der Pfad bereitet uns darauf vor. Er schwingt unser Herz auf die Frequenz Seiner Liebe ein. Die Übungen des Pfades polieren das Herz, damit wir in Seine Liebe hinein erwachen können. Dann müssen wir das voll und ganz ins Leben bringen, „mit Blut erfüllen“. Das ist das in jedem Atemzug und mit jeder Handlung gelebte Erinnern des Herzens. Das ist unser Beitrag als Mystiker an das Leben.


EINE NEUE NOTE GÖTTLICHER LIEBE

Die Liebe an der Achse der Welt hat eine Schwingung oder musikalische Note, die wesentlich ist für das Geheimnis der Offenbarung—diese Weise, wie die Welt ihren Schöpfer widerspiegelt. Die Welt ist ein Ort der göttlichen Offenbarung, und diese Note stimmt die Schöpfung auf den Schöpfer ein, so dass Er Sich zeigen oder Sich verhüllen kann.

Diese Offenbarung ist nicht statisch, sondern ein sich fortwährend entfaltender Tanz von Liebendem und Geliebten: „Er offenbart Sich nie zweimal in derselben Form.“ Seine Offenbarung verändert sich jeden Augenblick, in jeder neuen Knospe am Baum, in jedem Vogel, der über den Himmel fliegt. Für die Offenbarung gibt es auch Muster oder Formen; Seine Weise sich zu offenbaren wechselt mit jedem neuen Zeitalter. Deshalb weist jede Ära ihre ganz bestimmten Zeichen Gottes auf, und aus diesem Grund gibt es zwischen den Zeitaltern eine Periode der Verwirrung und des Umbruchs, weil die alten Zeichen ihren Sinn und ihre Bedeutung verlieren, die neuen Zeichen aber noch nicht erkannt werden.(3)

Jetzt befinden wir uns in solch einer Zeit des Übergangs. Eine neue Note wartet darauf, in die Schöpfung eingeleitet und in die Achse der Liebe gebracht zu werden, von wo aus sie in den ganzen Teppich des Lebens, dem überall miteinander verbundenen Netz der Schöpfung, gelangen kann. Die neue Note wird helfen, die Schöpfung auf die Offenbarungsmuster des kommenden Zeitalters auszurichten. Sie führt eine neue Schwingung mit sich, die dem Leben eine andere Nuance geben wird.

Wir haben vergessen, dass sich spirituelles Bewusstsein—wie alles Leben—entwickelt. Die Note der Liebe der gerade vergangenen Ära diente dazu, uns auf eine monotheistische Gottheit jenseits unserer physischen Welt auszurichten. Die patriarchalische Ära brachte das Geschenk eines transzendenten Gottes und hatte das Kennzeichen des Bewusstseins der Dualität: Himmel und Erde, Geist und Materie. Spirituelle Lehren und Übungen funktionierten im Kontext dieser Anschauung und führten uns immer weiter von der Welt der Materie und dem instinktiven Leben fort, wobei die Erkenntnis über die physische Welt den Forschungen der Naturwissenschaften überlassen wurde.

Zu der neuen Form der Offenbarung gehören das Feiern Seiner Einheit und die Heiligkeit der göttlichen Gegenwart. Die Note der Liebe des anbrechenden Zeitalters hat das Potenzial, die Menschheit zum Bewusstsein der göttlichen Einheit innerhalb allen Lebens zu erwecken. Die verschiedenen Ebenen und Dimensionen der Wirklichkeit werden Seine Einheit auf neue Weise widerspiegeln. Zum Beispiel werden wir dann, statt Wirklichkeitsebenen hierarchisch zu betrachten—als Leiter des spirituellen Aufstiegs—, vielleicht in der Lage sein, all diese Ebenen als integrale Teile eines multidimensionalen Ganzen zu erfahren. Denn in der Einheit ist nichts höher oder niedriger. Da die Liebe überall ist, kann diese neue Schwingung zu schon längst vergessenen Orten gelangen und—zum Beispiel—das Licht, das in den Tiefen der Materie ist, freisetzen.

Die neue Note der Liebe ist so neu, dass es für uns fast unvorstellbar ist, was sie offenbaren wird. Aber sie ist wie ein Schlüssel zu einer neuen Wahrnehmung. Sie kann in der Erde wie auch in den Menschen Kraftzentren erwecken und zu spiritueller Erkenntnis führen, was zu einer völlig neuen Form Seiner Offenbarung beiträgt, zu einer neuen Beziehung zwischen Schöpfer und Schöpfung, zu einer neuen Weise, Seine Liebe zu leben.

Die Arbeit Seiner Liebenden besteht jetzt unter anderem darin, mitzuwirken, diese neue Note der Liebe ins Leben hineinzubringen. Während wir als Mystiker mit unseren Herzen zu Gott schauen, sind wir als Liebende auch hier im Leben gegenwärtig. Wir gehören sowohl zur Welt der Schöpfung als auch—sobald wir erwacht sind, zur Welt des göttlichen Befehls. Die Mystiker sind Teil der Achse der Liebe in der äußeren und der inneren Welt, der Welt der Sinne und der Welt des Lichts. Schwingt die Note der Liebe in unseren Herzen, schwingt sie auch in den Zellen unseres Körpers und ist somit in die Welt der Schöpfung gebracht.

Unser physisches Selbst, unser Körper und unsere Instinktnatur, ist Teil des Netzes des Lebens. Es gehört zu einem interdependenten, d.h. wechselseitig voneinander abhängigen, lebenden Organismus, der unser Planet ist. Wir sind alle sowohl in den äußeren wie auch in den inneren Welten miteinander verbunden, gehören zu einer mit allem in Beziehung stehenden Einheit. Über das Herz der Mystiker gelangt die neue Note der Liebe von den ungeschaffenen Welten in die Welten der Schöpfung, wo sie sofort in die Einheit des Lebens eingeht. Die Note, die im Liebenden singt, singt in der Gesamtheit des Lebens. Nichts ist ausgeschlossen.

Bevor die Liebenden diese Note ins Leben hineinbringen können, müssen sie ganz und gar auf dieses neue Muster, diese neue Struktur, ausgerichtet sein. Die Herzen und auch das Bewusstsein Seiner Liebenden müssen dazu subtil verändert werden. Diese Arbeit findet im Augenblick statt. Und diese Neuausrichtung geschieht nicht nur individuell, sondern auch auf Gruppenebene: Die Gruppen Liebender wie auch anderer Arten spiritueller Sucher werden neu ausgerichtet, ihre innere und äußere Orientierung umgeformt. Das geschieht, weil sich die für die neue Entfaltung benötigte spirituelle Energie am leichtesten durch Gruppen von Individuen übertragen lässt. Spirituelle Gruppen bilden in der kommenden Ära spirituelle Zentren.(4)

Gruppen und Einzelpersonen neu auszurichten, braucht Zeit. Wir alle haben unsere Muster von Abwehr und Widerstand, unsere Identifikation mit den alten Wegen. Die Herzen Seiner Liebenden mögen schon offen sein, doch unsere Bewusstseinsmuster sind meist kristallisierter. Auch Gruppen können ihre starren Muster und spirituellen Identitäten haben.

Die neue Note der Liebe ist auf unser bewusstes Mitwirken angewiesen. Wir müssen wissen, dass wir dynamischer Teil einer sich entfaltenden Einheit sind, die zugleich eine neue Facette der Offenbarung darstellt. Die neue Note der Liebe muss auch das Erkennen sein, dass wir alle eins sind.


AUS EINEM TRAUM ERWACHEN

Diese neue Note der Liebe kommt aus den inneren ungeschaffenen Welten, aus der „dunklen Stille“, die nahe der Quelle ist. Aus dieser Leere werden Galaxien geboren, wie auch die Liebe, die sie zusammenhält. Liebende und Mystiker, die innerlich in diese unerschaffene Leere eintauchen, können direkten Zugang zu einer Liebe finden, die von keiner Form begrenzt ist. Ihre Herzen sind ein Raum für diese Liebe, um in diese Welt zu gelangen.

In den inneren Welten vollziehen sich so viele Veränderungen. So wandeln sich zum Beispiel die archetypischen Strukturen des Lebens—die reine Energie der Schöpfung beginnt in neue Muster zu fließen wie Wasser, das in neu gebildete Flussbetten fließt. Und auf der Ebene der Einheit, die die Dimension des wahren Selbst ist, wird das Bewusstsein der Menschen wacher für das dort stattfindende Kräftespiel.

Auch die ungeschaffenen Welten, die die unsichtbaren Kräfte hinter der Schöpfung enthalten, sind im Wandel. Die blendende Schwärze, das Nichts jenseits des Verstandes, ist voller Energie, die sich noch nicht manifestiert hat—nicht einmal in Licht. Viele der Umbrüche, die wir in unserem äußeren Leben wahrnehmen, wie zum Beispiel sich neu entwickelnde Beziehungsmuster, die nicht-hierarchisch funktionieren, haben ihren Ursprung in tiefgreifenden Veränderungen, die in dieser Leere stattfinden.

So, wie die Liebe in der Leere geboren wird, so geschieht das auch mit den neuen Schwingungen. Ein spiritueller Meister, der in diese inneren Dimensionen eingetaucht ist, kann die Herzen seiner Schüler auf diese Schwingungen einstimmen. Dann nimmt die Liebe, die vom Meister zum Schüler fließt, eine etwas andere Schwingung an, was sich auf das gesamte Wesen des Schülers auswirkt. Diese neue Schwingung der Liebe kommt daraufhin durch das Herz und den physischen Körper des Schülers ins Sein.

Diese Achse der Liebe ist in allem gegenwärtig, so, wie der Name Gottes auf jede Zelle der Schöpfung geschrieben steht. Da diese Achse jedoch am besten in den Herzen Seiner Liebenden—jener, die ihr Leben ganz der Liebe zu Ihm gewidmet haben—, zugänglich ist, geschieht es über unsere Herzen, dass wir diese neue Note der Liebe von der Quelle der Liebe im Ungeschaffenen ins Leben bringen. Vom innersten Kern des Herzens, dem Geheimnis der Geheimnisse, zu dem nur der Geliebte und Seine Diener Zutritt haben, kommt die Note der Liebe in die Welt der Schöpfung, in unsere Instinktnatur und den physischen Körper.

Diese Note schließt alles mit ein. Es gibt da keine Unterscheidung in hell und dunkel, niedrig und hoch. Alles ist ein Feiern Seiner Liebe. Es liegt an der Fähigkeit der Liebenden, die innerste und die äußere Welt, die in Liebe und Dienen miteinander verbunden sind, so zusammenzubringen, dass die Note der Liebe ohne Missklang weitergeleitet wird. Je vollständiger sich die Liebenden dem Dienen hingegeben haben, desto leichter ist diese Aufgabe. Verneigt sich das gesamte Wesen eines Liebenden völlig vor dem Herrn, schwingt die Note der Liebe mühelos in ihrer höchsten Frequenz.

Dabei ist wichtig, das Physische mit einzubeziehen, denn die neue Note der Liebe muss im physischen Körper der Welt vernommen werden—an den Stellen, wo unsere Gier und Dummheit die Erde verschmutzt und entweiht haben. Diese Arbeit mit dem Physischen ist besonders den Frauen vorbehalten, denn gerade durch den Körper, durch das physische Sein der Frau, fließt die Liebe am leichtesten in die physische Welt. Das hängt mit dem heiligen Mysterium der Mutterschaft, mit der Gabe der Frau zu gebären, zusammen. Anders als beim Mann enthält der physische Körper der Frau die heilige Substanz der Schöpfung. Jede Frau trägt in ihren Zellen ein Licht, das im Körper der Männer nicht vorhanden ist, welches dem Licht einer Seele die Möglichkeit gibt, durch diesen Körper Gestalt anzunehmen, damit sich die göttliche Liebe physisch in einem neuen Menschen manifestiert. Diese heilige Substanz, dieses Licht, das einzig die Frauen in sich haben, wird ebenfalls ein Weg sein, wie die neue Schwingung der Liebe in den physischen Körper der Welt gelangen kann.

Die Liebe ist für die meisten von uns eine längst vergessene Sprache.(5) Wir halten die Liebe für ein warmes, kuscheliges Gefühl, eine fürsorgliche Regung, eine leidenschaftliche Umarmung. Aber die Liebe ist die direkteste Verbindung zwischen dem Schöpfer und Seiner Schöpfung. Die Liebe ist die Weise, wie der Schöpfer zu Seiner Schöpfung spricht, und sie bringt Erkenntnis und Labsal mit sich. Die Sprache der Liebe birgt so viele Feinheiten, die unsere Seele und unseren Körper ansprechen. Und das Wunder dabei ist, dass sie durch unsere Herzen in die Welt fließen kann, ohne etwas von ihrer Eigenschaft, Seine Essenz zu übermitteln, zu verlieren.

Die neue Note der Liebe ist in gewisser Weise wie eine chiffrierte Botschaft, die zur Schöpfung sprechen und sie aus ihrem Jahrhunderte langen Traum von Verschmutzung und Schändung aufwecken wird. Sie wird der Welt von den ihr innewohnenden Mustern der Einheit erzählen und zeigen, auf welche Weise die Lebensenergie durch diese Muster fließen und so die Welt reinigen und läutern kann. Das Leben wartet schon lange darauf, diese geheime Botschaft vom Schöpfer an Seine Schöpfung zu hören. Bevor sie nicht vernommen ist, kann das Leben nicht erwachen. Wir haben vergessen, dass Seine Liebe zur Welt sprechen kann, so, wie wir auch längst das Wissen von den heiligen und magischen Verbindungen zur Welt, das die Frauen in sich bergen, verloren haben. Wir haben bisher unseren rationalistischen Traum von Getrenntsein und Vereinzelung gelebt, der zu einem Seelen zerstörenden Albtraum geworden ist.

So, wie die Liebe jeden einzelnen von uns zu erwecken vermag, so kann sie auch die Welt erwecken. Seine Liebe wendet das Herz und schenkt uns Erkenntnis von dem, was wirklich ist. In dem Licht Seiner Liebe entdecken wir unseren Sinn und lernen, das, was heilig in uns ist, ins Leben zu bringen. Ohne den Kontakt zu Seiner Liebe bleiben wir im Schlafzustand, in dem wir nur die Traumwelt unseres Egos erfahren. In diesem Traum wiederholen wir die Kreisläufe von Leid und Begierden, doch wenn wir erwachen, sehen wir, dass eine andere Welt um uns gegenwärtig ist, eine Welt, in der uns gegeben wird, was wir brauchen, und in der wir von der ursprünglichen Freude des Lebens genährt werden. Erwacht die Welt, werden sich ihre komplexen Probleme auflösen wie ein schlechter Traum, weil wir alle erkennen, dass es einen Weg gibt, über die natürlichen Verbindungen des Lebens in Beziehung zu treten, über die Einheit, die für uns alle die Grundlage ist.


DIE NEUE NOTE DER LIEBE LEBEN

Was bedeutet es, erwacht zu sein und empfänglich für diese neue Note der Liebe? Die Herausforderungen werden für jeden von uns anders sein. Aber es kann helfen, sich klar zu machen, dass diese Note neu ist. Sie gehört nicht zu den spirituellen Lexika der Vergangenheit. Sie bringt die Welten auf neue Weise zusammen. Sie ist eine Freude, die darauf wartet, ins Leben zu kommen, eine neue Knospe am Baum des Lebens. Sie wird uns auf eine Art berühren, wie wir noch nie berührt worden sind. Sie wird uns in einer Welt aufwachen lassen, die mit Seiner Gegenwart lebendig ist.

Jeder Teil des Lebens spricht zu jedem anderen Teil in der Sprache der Liebe, und wir haben die Gabe, diese Sprache zu erlernen. Wir können aufs Neue herausfinden, wie man zum Leben spricht und auf seine Antwort lauscht. Wir können erkennen, wie die Muster der Liebe im Leben gegenwärtig sind—die Zeichen, die der Geliebte in Seine Schöpfung gesetzt hat. Wir können lernen, mit der Magie und Kraft der Liebe innerhalb des Lebens zu wirken—in der Einheit, die alles in den inneren und äußeren Welten einschließt, und nicht nur in den geheimen inneren Räumen des Herzens, in der Meditation oder im Gebet.

Wollen wir uns an diesen Veränderungen beteiligen, müssen wir jegliches Muster spiritueller Absonderung, das uns vom Leben oder von anderen trennt, und auch jegliche Vorstellung von einem hierarchischen spirituellen Aufstieg hinter uns lassen. Unser Geliebter ist keine einzelne innere Gestalt, sondern eine dynamische Einheit, die die sichtbaren und die unsichtbaren Welten umfasst. Die Ganzheit Seiner Liebe zu leben, bedeutet, dass wir aus allen Konditionierungen heraustreten in ein sich immerwährend ausdehnendes Universum des Geschaffenen und Ungeschaffenen. Damit wir Seine Einheit leben, statt uns nur auf unsere eigene innere Reise zu konzentrieren, ist es notwendig, bewusst zu erkennen, dass wir Teil eines interdependenten Ganzen sind. Muster, die unsere unkonditionierte Offenheit für Seine Gegenwart beschränken, begrenzen unsere Fähigkeit, Seine Liebe zu übermitteln.

Wir brauchen im Grunde nichts weiter zu tun, als voll und ganz anzuerkennen, dass wir Teil des Lebens und Teil Gottes sind. Unsere höhere und unsere niedere Natur enthalten die diversen Welten. Jede Zelle unseres Körpers, jede Berührung durch unsere Hand birgt in ihrem Kern die Achse der Liebe und in ihrer Weise, wie sie sich bewegt, die Schöpfungsmuster. Und die Note der Liebe vermittelt dem Ganzen das, was wirklich ist; sie hilft, Sein Antlitz zu offenbaren.

Die Note der Liebe zu leben wird uns an den Rand unserer selbst führen—hinein in die Dichte des Lebens und in das Licht des Herzens. Wir werden erfassen, wie dies alles zusammenhängt, wie das Licht die Dunkelheit benötigt und wie wir diese Dunkelheit sind. Und wir werden erahnen, dass etwas Neues dabei ist, ins Sein zu kommen, und zwar in uns und in der Welt.

Es geht dabei nicht um eine spirituelle Übung, sondern um etwas, auf das wir gewartet haben. In diesem Moment der Zeit im Zentrum des Lebens lebendig zu sein, ist eine Gnade, denn wir helfen der Welt, den Müll von tausenden von Jahren abzuwerfen. Sufis sind Kehrer; sie kehren den Schmutz der Welt fort. Und da gibt es jede Menge zu tun!

Wir fegen den Schmutz des Gottvergessens fort und den Schutt der zurückliegenden patriarchalischen Ära. Wir bringen die neue Note der Liebe von den Tiefen unseres Herzens in die Hauptverkehrsadern der Welt. Und wir lernen, das Leben mit den Augen des Herzens zu sehen, mit einem Bewusstsein, das auf die neue Note der Liebe eingeschwungen ist, die uns die Fähigkeit verleiht, Seine Offenbarung zu erkennen. Er macht Sich mitten im Leben Sich Selbst auf eine neue Weise bekannt. Unser Geliebter enthüllt Sich wieder einmal und muss gesehen werden. Sein verborgener Schatz will erkannt werden. Die Mystiker sind die Augen und Ohren Gottes und können für ihn das Buch des Lebens lesen. Doch dazu braucht es unser Erwachtsein, unser vollständiges Lebendigsein, sonst können wir das Buch des Lebens nicht lesen, denn es wird gerade neu geschrieben.

Das Buch des Lebens ist unser eigenes Leben. Die neue Note der Liebe ist dabei, in unser Leben hineingeboren zu werden, und sie wird uns die Möglichkeit geben, unseren Geliebten auf neue Weise zu erfahren und zu erkennen. Ein wesentlicher Punkt dieser Erfahrung ist die Offenbarung Seiner Einheit mitten in Seiner Welt. Nichts ist getrennt, nichts ausgeschlossen. Jeder Atemzug ist Sein Atemzug. Wir können das Leben mit den Augen des Egos betrachten, das uns die Geschichte von unerfüllten Wünschen, von Einsamkeit und von Abwehrmustern erzählt, oder wir entdecken eine ganz andere Geschichte, in der unser individuelles Selbst Teil des Gesamts der Schöpfung ist. Dieses lebendige Wunder, in dem alles miteinander verbunden ist, enthält alles—den Süchtigen und seine Spritze, das Kind und sein neues Spielzeug. Wir sind die Spinne und ihr Biss, der Kolibri und die Süße des Nektars, den er aufsaugt. Wir sind das Leben in all seinen vielfältigen Ausdrucksformen des Einen. Wir sind hier, um die Fülle des Lebens auszukosten und zu wissen, dass sie Gott ist.

Es geht darum, jeden Tag, jeden Moment „Ja“ zu sagen zu unserem Geliebten und Seinem Leben. In diesem ursprünglichen „Ja“ feiern wir Seine Gegenwart in unserem Leben und in der Welt. Wir sind nicht hier, um die Welt zu verändern, sondern sie durch Seine Augen der Offenbarung zu erfahren. Dann werden wir erkennen, dass sie sich bereits verändert hat und dass das, was die meisten Menschen für das Leben halten, nichts weiter ist als verblassende Bilder einer vergangenen Zeit. Mit dem Blick unserer Konditionierungen betrachtet, sehen wir eine sterbende Welt, die sich durch Gier und Verschmutzung selbst zerstört. Aus der Sicht der Offenbarung werden wir entdecken, wie sich eine neue Welt inmitten dieser Schatten herausformt.

Mit unserem „Ja“ fordern wir unser Recht ein, mit dem Licht des Neuen zu sehen, zu erfahren, was gerade geboren werden will. Wir werden dann in einem Augenblick, der so einfach und zugleich so außerordentlich ist, erkennen, dass wir es sind, die da geboren werden. In dem Wunder Seiner Einheit liegt das Zentrum des Lebens in uns selbst; das Mysterium des Lebens vollzieht sich in jedem Moment für jeden von uns. Wir sind der Mittelpunkt des Kreises. Wir sind unser Geliebter, der Sich neu offenbart.

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ANMERKUNGEN

(1) Zit.aus: “The Experience and Doctrine of Love in Ibn 'Arabî”, von Claude Addas in Sufi, Nr. 63, Herbst 2004, S. 24.
(2) Fakhruddîn 'Iraqî: Divine Flashes, S.81, übers. V. Peter Lamborn Wilson. New York, Paulist Press 1982.
(3) Siehe Vaughan-Lee: Die Zeichen Gottes, insbesondere das letzte Kapitel: „Die Zeichen Gottes erkennen“ The Golden Sufi Center 2002.
(4) Siehe Vaughan-Lee: In the Company of Friends, Inverness, California, The Golden Sufi Center 1994. Private deutsche Übersetzung v. S. Bullerjahn: In Gesellschaft von Freunden.
(5) Siehe Vaughan- Lee: Spirituelle Macht, Kapitel 7: „Die Sprache der Liebe“, S. 169 -193. The Golden Sufi Center 2006.