The Golden Sufi Center

Die Dunkelheit vor
Anbruch der Morgendämmerung

Von Llewellyn Vaughan-Lee
November 2010


Vor kurzem (1) habe ich über den bevorstehenden Anbruch eines neuen Morgens und die damit verbundene Notwendigkeit unserer vollständigen Präsenz geschrieben, um den Sonnenaufgang willkommen zu heißen. Ich habe aber auch über die Dunkelheit vor der Morgendämmerung geschrieben, und diese Dunkelheit ist es, die mich dazu drängt, sie noch vollständiger zum Ausdruck zu bringen und ihre Bedeutung und die Geschichte, die sie uns erzählt, zu erforschen.

Wir stehen an der Schwelle eines Abgrunds -- der Krise des Klimawandels und der Umweltzerstörung. Und wenn ich diese äußere Tragödie in mir widerhallen lasse, dann fühle ich, dass ein tiefes Vergessen der Heiligkeit der Schöpfung existiert -- eine Haltung, die es uns erlaubt hat, den Planeten wie ein Objekt zu behandeln, das wir verschmutzen und entweihen können, wie es uns gefällt. Was hat uns in diesen Strudel der inneren und äußeren Selbstzerstörung hineingezogen? Ist es nur die Gier, die Kaufgelüste der vom Materialismus beherrschten Menschen, die so viel aufzehren ungeachtet der Herkunft der Dinge oder ihres wirklichen Preises? Oder sind da andere Kräfte am Werk?

Es ist einfach, die Verheerungen einer vom Ego getriebenen Kultur, einer Gesellschaft, die jedes größere oder weitsichtigere Anliegen dem kurzfristigen ökonomischen „Fortschritt“ unterordnet, zu erkennen. Doch ist wirklich nur dieses Oberflächen-Selbst anzuklagen, oder sind seine Einstellungen und deren zerstörerischen Auswirkungen Teil eines größeren Bildes oder Musters, eines tieferen Sterbens dessen, was uns alle als ein heiliges Ganzes zusammen hält?

Die Psychologie vermittelt uns, dass unser persönliches Selbst und unser Ego Oberflächen-Identitäten sind, unter denen andere, oftmals mächtigere Kräfte existieren: unsere unterdrückten psychischen Anteile und die tieferen Kräfte der archetypischen oder kollektiven Welt. Wir wissen, wie leicht unser unterdrücktes Selbst einen Wutausbruch verursachen kann oder uns in Neurosen oder anderen Dramen gefangen nimmt. Durch die Bilder in Mythen und Träumen erhalten wir einen flüchtigen Einblick in die archetypischen Kräfte und können so erkennen, auf welche Weise sie zu unserem kollektiven Erbe und Schicksal gehören. Doch was ist die wirkliche Geschichte, die zum jetzigen Zeitpunkt erzählt wird? Was ist unser Drama an der Oberfläche mit seinen ökonomischen und politischen Faktoren und was sind die in der Tiefe wirkenden Kräfte und was ist die Geschichte, die sie uns erzählen? Wer oder was ruft uns zu diesem Abgrund, dem wir uns anscheinend so bereitwillig nähern?

Dichter und Propheten haben uns vor dieser Zeit gewarnt, wie in den Worten von Yeats:

Die Welt zerfällt, die Mitte hält nicht mehr…

Gewiss steht jetzt bevor die Offenbarung;
Gewiss steht jetzt bevor die Wiederkunft.


(Die Wiederkunft)

Doch ist es tatsächlich eine Wiederkunft Jesu Christi, auf die wir zugehen, oder ein dunkles Zeitalter? Ist dies das ersehnte goldene Zeitalter, dem eine globale Krise vorausgeht, die intensiv genug ist, um uns wach zu rütteln, oder gehen wir mehr und mehr in einem Alptraum des Vergessens verloren, der sich auf unserer Weltbühne abspielt, wenn sich die Kräfte des Lebens gegen uns wenden? Unsere ökologische Zerstörung, die Gefahren eines globalen ökonomischen Zusammenbruchs, die Kräfte des Terrorismus und der Verlust des Heiligen im alltäglichen Leben -- ist all das Teil eines Musters, das, wie die zerstörerische Realität der Selbstmord-Attentäter, jetzt hier ist, um uns heimzusuchen? Und was könnte dies für unsere Seelen und unser tägliches Leben bedeuten?

Es besteht immer die Gefahr, dass wir uns mit den Oberflächen-Dramen des Augenblicks und unserem Wunsch begnügen, die Probleme zu lösen, ohne die tiefer liegenden Ursachen zu berücksichtigen oder zu verstehen. Doch kann unser kleines Licht diese tiefer liegenden Schatten konfrontieren oder vertreiben, wenn wir ihre Existenz noch nicht einmal anerkennen? Können wir es uns leisten, diese innere Realität zu vernachlässigen, wie wir es mit dem zerbrechlichen Zustand unseres Ökosystems getan haben, bis es jetzt fast zu spät ist? Wissen wir denn nicht, dass alles ein in sich miteinander verbundenes Ganzes ist und dass der Zustand unseres Planeten und der Verlust des Heiligen ein und dieselbe Geschichte ist, nur auf unterschiedliche Art und Weise erzählt? Ist es nicht an der Zeit, dieser Geschichte zuzuhören, ihren Sinn zu erfassen und schließlich zu erkennen, dass sie jeden von uns betrifft -- es ist unsere Geschichte wie auch die der gesamten Welt?

In vielen von uns erwacht das verzweifelte Verlangen, unseren Planeten zu retten. Doch wenn wir die wahre Natur der Kräfte, mit denen wir es zu tun haben, nicht erkennen, wie können wir daran arbeiten, die gegenwärtige Situation zu erlösen? Geht es um das Monster der Gier und Ausbeutung der Konzerne, um die Kräfte des Fundamentalismus oder um simple Ignoranz und Ichbezogenheit? Oder haben wir es mit einem archetypischen Drama zu tun, in dem wir unwissentlich gefangen sind -- der dunkle Mythos des materiellen Wohlstands mit seinen leeren Versprechungen, uns Erfüllung und Glück zu bringen oder die Sicherheit, nach der wir uns so sehnen, während er in Wahrheit unsere Seelen aushungert und unserem Leben seinen wirklichen Sinn und seine Freude raubt.

Diese dunkle Seite unserer Konsumabhängigkeit ist eine mögliche Erklärung für das, was geschieht. Doch wie weitreichend erfassen wir die Macht dieser inneren Dunkelheit in unserem täglichen Leben? Sind wir unwissentlich die Opfer ursprünglicher Kräfte, von Göttern, die wir lange zurückgewiesen haben und nun verzweifelt anerkennen und ehren müssen? Alles, was wir mit Sicherheit sagen können, ist, dass wir zum ersten Mal durch ein globales Drama miteinander verbunden sind, von dem wir uns nicht distanzieren können. Das ist die grundlegendste Wahrheit der globalen Umweltverschmutzung und des Klimawandels wie auch des Schreckens des Terrorismus: Es gibt kein „weit weg von hier“ mehr.

Spirituelle Lehren besagen, dass das, was dem Einzelnen widerfährt, sich auf das Ganze auswirkt. Wir wissen zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit Sicherheit, dass das, was dem Ganzen widerfährt, sich auf jeden Einzelnen von uns auswirkt. Sofern wir nicht in der Illusion eines Inseldaseins begraben bleiben wollen, müssen wir anerkennen, wie wir alle miteinander verbunden sind. Dies war eine der Lektionen der „Subprime-Hypotheken-Krise“ -- wie Gier und schlechte Praktiken in der Darlehensvergabe in einigen Teilen von Amerika beinahe das gesamte globale Finanzsystem zu Fall brachte. Von der daraus resultierenden Rezession waren wir alle betroffen. Diese Arten des Miteinander-verbunden-seins sind die erste Hauptlektion dieser Krise.

Doch worum geht es bei dieser Dunkelheit, die wir als Gier jedes Einzelnen oder der Konzerne benennen? Wir mögen danach trachten, die Banker mit ihren Millionen-Dollar- Bonussen zu verurteilen, doch sind sie tatsächlich die Ursache oder lediglich ein Symptom dieser Dunkelheit, die scheinbar alles außer Acht lässt außer dem schnellen Profit? Dieses egozentrierte Profitmotiv ist das Kernstück unserer westlichen Ideologie. Sie mag uns Reichtum versprochen haben, doch es gibt einen dunkleren Preis, den wir jetzt anfangen zu bezahlen. Könnte es sein, dass über unsere menschlichen Schwächen wie Ignoranz und Gier eine tiefere Dunkelheit herein gekommen ist, die ihre Fangarme ausbreitet und langsam den Lebenssaft unseres Planeten aussaugt und uns in diesem äußeren entseelten Ödland zurücklässt, das wir zum jetzigen Zeitpunkt bewohnen? Eine Dunkelheit, die unserem Leben nach und nach sein Licht und seinen Sinn entzieht? Sie nimmt uns die Hoffnung und hinterlässt stattdessen Furcht, Angst, ja sogar Wut, die wir auf äußere Situationen oder Ereignisse projizieren können, die aber aus dem tiefen Inneren aufsteigt, entstanden aus den leeren Versprechungen oder dem Gefühl des Betrogen-worden-seins.

Was beabsichtigt diese Dunkelheit? Wo kommt sie her und wo führt sie uns hin? Was ist ihre Geschichte? Nährt sie sich lediglich vom Leben und Licht des Planeten und von uns, bis nur noch ein seelenloses Ödland übrig ist – eine innere und äußere Landschaft wie die ausgedehnten Teersande in North Alberta, wo unsere Gier nach Öl dieses unberührte Land mit seinen Flüssen verschmutzt und seine indigenen Bewohner vergiftet hat?

Diese Dunkelheit ist überall um uns herum, selbst wenn wir versuchen, dies nicht wahr haben zu wollen. Wir mögen über Ölkatastrophen lesen und die Bilder dazu auf unseren Bildschirmen sehen, ohne zu erkennen, welche Auswirkung dies auf unsere Seelen hat. Doch wissentlich oder unwissentlich sind wir zu dieser Geschichte geworden, die diese Dunkelheit erzählt. Wir sind das Licht, das verloren geht. Wir mögen den Konzernbossen oder Politikern die Schuld geben, die bösen Taten der Terroristen anprangern, doch das ist kein Sündenerlass. Wenn wir einmal genauer um uns herum und unter die Oberfläche schauen, können wir fühlen, dass dort eine tiefere Dunkelheit existiert, als sie durch einen Einzelnen oder eine Gruppe verursacht werden kann. Wir können sie fühlen, selbst wenn wir sie nicht benennen können.

Die Dunkelheit ist so real wie die Umweltverschmutzung und sogar noch gefährlicher, da wir ihren Ursprung nicht kennen. Wir wissen nicht, warum sie hier ist und was sie will. Wir haben es nicht gewagt, ihr ins Gesicht zu sehen, denn sonst würden wir erkennen, wie sehr wir alle daran beteiligt sind. Selbst wenn wir zum Licht schauen, müssen wir die Dunkelheit, die im Inneren und um uns herum existiert, anerkennen. Wenn wir lediglich den Bedürfnissen des Ego folgen wollen, sollten wir um die Gefahren wissen. Ignoranz kann keine Entschuldigung sein. Und besonders wichtig ist, dass wir erkennen müssen, wie sich die Dunkelheit auf jeden von uns auswirkt, wie sie das Licht unseres Bewusstseins und die Qualität unserer Seele gefährdet. Wir müssen begreifen, wie leicht sie uns unser Licht wegnehmen und uns in das Vergessen hineinziehen kann. Und dann können wir vielleicht anfangen zu verstehen, was es für unser Licht und für unsere Erinnerung des Heiligen bedeutet, allmählich verloren zu gehen, was es bedeutet, im Schattenland zu leben, wenn leere Versprechungen das Einzige ist, was von unseren materialistischen Träumen übrig geblieben ist.

Geschichten über die Dunkelheit waren immer schon ein Teil der Mythen der Menschheit. Manchmal hat Gott die Dunkelheit einfach ausgelöscht wie in den Geschichten von der Sintflut oder Sodom und Gomorrha. Manchmal hat die Dunkelheit eine entscheidende Rolle zu spielen wie in dem Verrat von Christus durch Judas. Ist diese gegenwärtige Dunkelheit hier, um die Welt zu zerstören oder die Wiedergeburt der göttlichen Liebe zu beschleunigen? Was sind die Mythen dieser gegenwärtigen Zeit?

Die einzige Gewissheit, die ich erkennen kann, ist, dass die Dunkelheit wirklich eine Geschichte erzählt und dass wir, wie auch das Schicksal des Planeten, ein Teil dieser Geschichte sind. Noch nie zuvor waren das Schicksal der Menschheit und das ökologische Netz der ganzen Welt so eng mit einander verbunden. Noch nie zuvor hatte unser Vergessen der heiligen Natur des Lebens gepaart mit unserer Gier eine derartig zerstörerische Wirkung. Unsere Seelen und die Seele der Welt sind nicht voneinander getrennt und wenn die Dunkelheit unsere Seelen zudeckt, dann hat das Auswirkungen auf die Weltenseele, die Anima Mundi. Wir wissen nicht, was dies bedeuten könnte, aber wir können versuchen zuzuhören und aufmerksam zu sein. Wir können in uns und in der Welt um uns herum auf Zeichen achten. Wir können die alte Kunst des Bezeugens wieder erlernen, so dass wir diese Geschichte verstehen, so wie unsere Vorfahren die Sterne und Stürme, ihre Träume und die Muster in der Natur beobachtet haben, um die Geschichte, in der sie lebten, zu verstehen.

Worum es bei dieser Geschichte geht, ist, wie sie in unserem eigenen Leben erzählt wird. Wie wirkt sich diese Dunkelheit auf uns aus? Hüllt sie uns ein in Vergessen, zieht sie uns ins Verlangen, in das Netz des Materialismus oder lässt sie uns die Traurigkeit einer Welt fühlen, die ihre göttliche Natur vergessen hat?

Wenn diese Dunkelheit eine mythische oder archetypische Dimension hat, ist es wichtig, sich der Gefühle, die sie hervorruft, gewahr zu werden. Carl Jung hat betont, dass, wenn man mit den Archetypen (2) arbeitet, es unerlässlich ist, die Gefühlsqualität der Erfahrung zu erfassen, denn sie fügt der sonst so unpersönlichen Welt der Archetypen ein menschliches Element hinzu. Dies bewahrt uns davor, von ihren kalten Schatten verschluckt zu werden. Wir müssen nicht in diese Dunkelheit hinabsteigen oder sie bekämpfen. Das wäre gefährlich, denn sie ist machtvoller als jedes Individuum. Doch wir müssen erkennen, wie diese Dunkelheit sich in unserem Leben und unserer Seele anfühlt, wie auch im Leben und in der Seele der uns umgebenden Welt.

Ich selbst habe beobachtet, wie die Dunkelheit in den vergangenen Jahren zugenommen hat und ein Licht, das zu unserem göttlichen Bewusstsein und zu dem Heiligen in uns und der Welt gehört, zugedeckt und verschlungen hat. Das hat in mir und meiner Seele eine tiefe Traurigkeit hervorgerufen, da ich weiß, wie sich der Verlust des Lichts eines Individuums auf die Seele der Welt, die Anima Mundi, auswirkt. Zu beobachten, wie dieses Licht erlischt, ist wie das Beobachten einer Tragödie, die nur wenige zu bemerken scheinen, die jedoch uns alle, individuell und als Ganzes, betrifft. Ohne dieses Licht, das uns leitet, ist es schwieriger, unseren Weg zu finden, und einfacher, verloren zu gehen. Und ohne dieses Licht gibt es keine wirkliche Transformation, keine Möglichkeit für einen Evolutionssprung des Bewusstseins, kein Eintreten in ein neues Zeitalter.

Es ist nicht einfach, diese Dunkelheit kennen zu lernen. Wir leben in einer Zeit, in der es leichter ist zu vergessen als zu erinnern, unsere Augen vor dem, was in den inneren und äußeren Welten wirklich geschieht, zu verschließen. Doch wir müssen wissen, wie die Dunkelheit sich auf den Planeten und auf uns auswirkt. Wir müssen das Licht unseres Bewusstseins und die Gefühlswärme in die Dunkelheit bringen, in der wir leben. Es liegt eine große Gefahr darin, dass, wenn das Licht vollständig verloren ist, verschlungen von der Dunkelheit, es keine Erinnerung mehr geben wird, um die wirkliche Geschichte zu erzählen, kein Gewahrsein darüber, was passiert. Wir müssen die Geschichte dieser Dunkelheit kennenlernen, bevor es zu spät ist.

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1. Siehe „Warten auf die Morgendämmerung“, veröffentlicht online im September 2010
2. Archetypen sind die Flussläufe, durch die die Wasser des Lebens fließen. Sie sind die ursprünglichen Gestaltungsmuster, die der Schöpfung zugrunde liegen. Diese universellen Muster oder Leitmotive, die dem kollektiven Unbewussten entspringen, sind auch der grundlegende Inhalt von Religionen, Mythologien, Legenden und Märchen. Sie teilen sich dem Individuum durch Träume und Visionen mit. Selbst nicht darstellbar, tauchen ihre Auswirkungen jedoch im Bewusstsein als archetypische Bilder und Ideen auf.