The Golden Sufi Center

Wie können wir in der Dunkelheit leben

von Llewellyn Vaughan-Lee

Teil 2 der bearbeiteten Transkription des Londoner Vortrages von Januar 2011:
„Wenn das Licht einer Ära erlischt“.
Ursprünglich veröffentlicht auf (der Website) www.ecocuddhism.org

Zu mehreren Zeiten in unserer westlichen Zivilisation ist ein bestimmtes Licht aufgetaucht, das ihr Sinn und Zweck gegeben hat. Dieses Licht ist verschwunden, da unsere Zivilisation mit ihrer vom Ego getriebenen Dynamik das Licht zerstört und den Punkt der Regeneration überschritten hat – so wie es bei einem Individuum mit seinem Licht und seiner eigenen Seele auch geschehen kann. Wenn du die Bestimmung deiner Seele nicht lebst, sondern den Wünschen deines Egos folgst, verlierst du dein Licht und schließlich wirst du zu einer verlorenen Seele. Du findest deinen Weg nicht mehr, weder in dieser noch in der anderen Welt. Das Licht, das zu der letzten Ära gehörte, kommt nicht mehr zurück, da diese Ära zu Ende ist. Entweder ist ihre Bestimmung erfüllt, oder die ausschließliche Konzentration der Menschheit auf sich selbst hat diese Ära beendet. Wenn ein Licht da ist, kann Transformation stattfinden, doch wenn kein Licht da ist, besteht die Möglichkeit der Transformation nicht. Wir treten in eine Zeit ein, in der viele Dinge sinnlos sein werden.

Einer der Übergänge auf deiner persönlichen Reise ist das Erkennen der Bedeutungslosigkeit deines eigenen Lebens. Die dunkelste Erfahrung, durch die einige von uns gegangen sind, ist die dunkle Nacht der Seele, wenn dein spirituelles Leben keinen Zweck, keine Richtung noch Ziel hat. Diese vom Ego getriebene materialistische Kultur steht dem wirklichen spirituellen Leben so sehr entgegen, dass sie für viele von uns ohnehin keinen Sinn macht, und wir haben versucht, einen Sinn zu schaffen, indem wir etwas Sinnvolleres getan haben. Dennoch ist diese kollektive Dunkelheit nicht einfach nur die Abwesenheit von Licht – sie birgt eine gefährliche Energie in sich, die Licht absorbiert. Sie ist eine lebendige Kraft, die an dem Wohlergehen der Menschen oder des Planeten nicht interessiert ist.

In gewissen multinationalen Konzernen, die ausschließlich an ihrem eigenen finanziellen Profit interessiert sind anstatt an dem Wohlergehen der Menschheit oder der Umwelt, hat sie ein „menschliches Gesicht“ bekommen. Sie sind zu einem negativen Kraftfeld geworden. Man muss in dieser Zeit besonders wach sein, sich auf die Wege der Dunkelheit einstellen und lernen, wie man in der Dunkelheit leben kann. Aus diesem Grund ist eine spirituelle Gruppe, eine Sangha oder eine spirituelle Gemeinschaft so wichtig. Sie sind ein Schutz vor der Dunkelheit als auch vor den Illusionen dieser Welt. Durch das Licht der anderen, das einen Schutzraum bildet, wird man unterstützt, und man muss wachsam sein. Sowohl die Sufi- als auch die buddhistischen Traditionen betonen eindringlich die Bedeutung der spirituellen Gemeinschaft als Schutz.

Diese Form der Dunkelheit kann weder transformiert noch aufgehellt werden. Man kann sich ihrer gewahr sein, ohne sie zu konfrontieren. Beispielsweise kann man nicht gegen einen multinationalen Konzern kämpfen, ohne sich tief zu verschulden. Der Konzern wird sich weder weiter entwickeln noch verändern. Sein unmenschliches Energiefeld wird deine Energie absorbieren. Es könnte dein äußeres Leben sogar noch sinnloser machen. Deswegen sind kleine Gesten menschlicher Güte und menschlicher Beziehung, die unser Leben erhalten und ihm Sinn geben, so wertvoll. Einfache Handlungen der Fürsorge und Betroffenheit, Handlungen der liebenden Güte, die zum Netz des Lebens gehören, werden uns viel mehr stärken als große Pläne, große Ideen und große Projekte.

Man muss lernen, ohne Erwartungen zu leben und das zu tun, was getan werden muss, weil es das Richtige ist. Man lebt auf eine bestimmte Art und Weise, weil es die richtige Art und Weise zu leben ist. Das Leben wird in Übereinstimmung mit den eigenen höchsten Prinzipien und der eigenen Beziehung zum Göttlichen und zum Geliebten gelebt. Und was das Ergebnis betrifft, so wird es anscheinend keines geben, da man auf Treibsand nichts aufbauen kann.

Man handelt nach wie vor angemessen, allerdings ohne dabei über langfristige oder sogar kurzfristige Ergebnisse nachzudenken, denn es wird möglicherweise keine geben. Es ist kein guter Zeitpunkt, um ein ambitioniertes Projekt zu beginnen, es sei denn, du bist Noah. Tu einfach das, was Sufis tun – deine tägliche Arbeit und alltäglichen Aktivitäten – und wisse darum, dass die Dinge, trotz der Illusion des kollektiven Traums, nicht besser werden. Jegliche Erwartung zu vermeiden ist eine wichtige Grundregel für das Leben in dieser Zeit. Fortschritt ist eine zeitgebundene Illusion, die dafür sorgt, dass wir in der Tretmühle bleiben. Die Mystiker sollten in der Gegenwart um der Gegenwart willen leben und ihren Pflichten nachkommen, weil das die Art zu leben ist.

Die Dunkelheit beeinträchtigt die Liebe nicht, weil sie sie nicht fassen kann. Die Dunkelheit bewegt sich auf einer dichteren Schwingungsebene und ist noch nicht einmal an der Liebe interessiert. Es bietet sich uns jetzt also eine hervorragende Gelegenheit, uns auf die Liebe, auf die Achse der Schöpfung und die Essenz unseres Seins zu fokussieren. Es ist eine Zeit, um zur Liebe, der feinsten und subtilsten Energie, die in der Schöpfung existiert, zurückzukehren. Wenn du etwas vergrößern willst, dann vergrößere die Liebe in deinem Herzen.

Zu jeder Zeit des Übergangs ist es immer wichtig, zu dem zurückzukehren, was wirklich zählt. Lerne Liebe in dein Leben zu bringen anstatt große Projekte und Ideale, wie die Errettung der Zivilisation. Die Dunkelheit kann die Liebe nicht fassen, so wie sie Gedankenformen ergreifen und manipulieren kann. Sie wird von Machtdynamiken angezogen, seien sie groß oder gering. Sie ist eine Meisterin der Illusion, doch sie weiß noch nicht einmal von der Liebe.

Wir benutzen die Liebe nicht, um die Dunkelheit zu vertreiben – wir benutzen die Liebe um der Liebe willen. Wir geben sie in die Nahrung, die wir essen, in die Art, wie wir gehen und wie wir atmen – es sind einfache Übungen des Erinnerns. Wir haben eine Gelegenheit, mit der Liebe auf die einfachste Weise zu arbeiten – wir kümmern uns um die Anderen, was uns mit dem Netz des Lebens verbindet. Ich glaube, dass diese Dinge in der Zukunft viel mehr von Bedeutung sein werden als große Gesten, Pläne und Unternehmungen zur Errettung der Menschheit.

Wir können die Erde in unsere Gebete und unser Gewahrsein einschließen. Die große Traurigkeit ist in dieser Kultur entstanden, weil wir uns von der Erde und der Heiligkeit der Schöpfung abgeschnitten haben. Deshalb gibt es diese ökologische Zerstörung, das sichtbarste Resultat unserer völligen Konzentration auf uns selbst als Kultur, unseres Egoismus und unserer Verantwortungslosigkeit. Wenn wir eine Verpflichtung gegenüber dem Ganzen haben, wenn wir der Schöpfung irgendetwas schuldig sind, dann sollten wir die Welt in unseren Gebeten und unserer Meditation erinnern. Die Seele der Welt ist präsent als Teil von uns und schreit danach, von uns erinnert zu werden.

Einige Menschen benutzen den Begriff ‚ökologische Nachhaltigkeit’ eher in dem Sinne, wie die Welt uns erhalten kann, als in dem Sinne, wie die Erde ihre eigene heilige Bestimmung bewahren kann. Die tiefere Dimension der ökologischen Krise liegt in unserer Missachtung des Heiligen in der Schöpfung. Sie ist die Ursache für die Spaltung. Wenn wir das Heilige in der Schöpfung verehren würden, dann würden wir nicht so mit ihr umgehen, wie wir dies tun. Wir würden sie nicht schänden, vergiften und entehren, wie wir dies getan haben. Warum gehen wir also nicht in unseren Gebeten und unserer Meditation zur eigentlichen Ursache zurück? Die wahrhaftige Beziehung zwischen Liebendem und Geliebtem schließt die gesamte Schöpfung mit ein. Wir sind ein Teil dieser großen Liebesbeziehung, dieses großen orgastischen Ausdrucks von Liebe.

Wir können einen gewissen Sinn für Humor gegenüber der Dunkelheit entwickeln. Alles geht vorüber. Es gibt einen neu entstehenden Archetyp, der der Zukunft angehört und unendliche Möglichkeiten und eine völlig andere Art zu leben mit sich bringt. Die Schöpfung wird wieder lebendig sein und das Heilige wird auf eine Weise präsent sein, wie es das seit Jahrtausenden nicht mehr gewesen ist. Wir können danach streben, das noch zu sehen. Und wenn nicht, nun, als Gruppe von Mystikern sind wir zusammen, Gottes persönliche Idioten, miteinander verbunden durch diesen Faden der Liebe und Erinnerung. Wir kehren zurück an den stillen Ort in unserem Herzen, wo nur der Geliebte ist.