The Golden Sufi Center

Spirituelle Reife und dienen

Von Llewellyn Vaughan-Lee


Strebe danach, der wahre Mensch zu werden:
jener, der die Liebe kennt und auch den Schmerz.
Sei erfüllt, sei demütig, sei ganz ganz still,
sei der Weinkelch, gereicht von Hand zu Hand.
Al-Ansâri


Dienerschaft

Auf dem Sufi Pfad ist die Dienerschaft die höchste Stufe. Wir sind um unseres Geliebten willen hier. All unser Streben, unsere Praktiken und die innere Arbeit haben zum Ziel, unserem Geliebten besser zu dienen und den Bedürfnissen des Göttlichen Beachtung zu schenken. Dem Dienen wohnt Schlichtheit und Zauber inne, es ist Teil der Beziehung der Seele zu Gott -- so wie Gott auf uns schaut und wir zu ihm schauen.

Zu Beginn des Pfades schaut der Geliebte in unser Herz und entflammt das Feuer der Sehnsucht, den Schmerz der Trennung, der den Liebenden zu Gott zurückführt. Durch diese Sehnsucht werden wir hineingenommen ins Geheimnis der mystischen Liebe, Gottes Weise, die göttliche Präsenz im Herzen zu enthüllen. Wir werden durch die Liebe zur Liebe geführt. Durch unsere Bemühungen und unser Streben schaffen wir allmählich einen leeren Raum für die Liebe. Mit Aufrichtigkeit und Zuwendung arbeiten wir an unseren Problemen und stellen uns unseren Ängsten und Nöten und dem Schatten, jenem abgespaltenen, unerkannten Teil unserer selbst. Wir entdecken das Licht, welches diese Dunkelheit in sich birgt, erfahren, wie das Licht des Selbst an den verborgenen Orten unserer Psyche scheint. Durch unsere Praktiken und das Erinnern lernen wir, zu diesem Licht zu blicken und es in unseren Alltag zu bringen.

Wir folgen also diesem Pfad und allmählich merken wir, dass das Ego und seine Begierden uns nicht mehr gleichermassen im Griff haben, dass wir nicht mehr so stark von unseren Konditionierungen und psychologischen Dynamiken bestimmt werden. Der Verstand, der unablässig Gedanken hervorbringt, beherrscht uns nicht mehr. Langsam, nach und nach, werden wir uns einer anderen Realität bewusst, dem Licht der göttlichen Liebe. Dann öffnet der Pfad die Tore zur Dienerschaft und zeigt uns, wie wir den Bedürfnissen der Liebe Beachtung schenken können. Die Sufi Praxis des Polieren des Herzens ist die innere Arbeit, derer es bedarf, damit wir das Licht des Geliebten in der Welt widerspiegeln können.

Im Westen bringen wir “dienen” in der Regel mit äusserer Aktivität in Verbindung. Doch obwohl es viele wertvolle Möglichkeiten gibt, in der äusseren Welt zu dienen, gibt es auch eine Dimension des spirituellen Dienens, welche den inneren Welten und dem Licht des Göttlichen angehört. Dieses göttliche Licht durchdringt alles, so wie die göttliche Liebe die Substanz allen Lebens ist. Und doch ist dieses Licht verborgen. Wie es im Leben verborgen ist, so ist es auch in uns verborgen. Es ist Aufgabe des Liebenden, das Licht der Liebe zu enthüllen, durch welches wir erkennen können, dass diese Welt eine Widerspiegelung des Geliebten und auch eine göttliche Offenbarung ist: „Wo auch immer du dich hinwendest, da ist Gottes Angesicht.“

Der Zugang zu diesem Licht ist am einfachsten tief in unserem Herzen zu finden. Unsere Seelen haben die Beschaffenheit eines ganz spezifischen Lichts, ein Licht, das zu Gott gehört und Informationen über seine Quelle in sich trägt. Mit diesem Licht findet die Seele ihren Weg, sieht den Pfad, dem sie folgen muss, und die Bestimmung des Schicksals. Ohne dieses Licht gäbe es keine Evolution und das Leben wäre sinnentleert.

Das spirituelle Leben ermöglicht es, das Licht der Seele in die Welt zu bringen. Spirituelle Praktiken geben uns Zugang zu unserem Licht, und die Lehren des Pfades helfen uns, dieses Licht in unserem Alltag zu leben. Je stärker unser Licht in dieser Welt scheint, desto leichter fällt es uns, einem spirituellen Pfad zu folgen und von innen heraus geführt zu sein. Durch dieses Licht dringt die innere Bestimmung der Seele nach aussen in unser Leben, das Wunder Gottes wird sichtbar. In diesem Licht sehen wir die Einheit, die zu Gott gehört, die ein unmittelbarer Ausdruck des Göttlichen ist. Ohne dieses Licht sehen wir nur die Spiegelungen unseres illusionären Selbst, die Schatten des Egos –wir sind durch Schleier von der göttlichen Einheit getrennt.

Leider ist im Westen ein beträchtlicher Teil des spirituellen Lebens durch die Werte des Egos unterminiert worden. Nur allzu oft sehen wir das spirituelle Leben in Bezug auf Selbstentwicklung - der Wunsch, voranzukommen oder spirituelle Zustände zu erlangen. Wir übersehen das Grundprinzip, das besagt, dass es beim Pfad nie um uns selbst geht, um unser individuelles oder spirituelles Wohlbefinden. Spirituelle Reife bedeutet, zu erkennen, dass unser Bestreben und die Arbeit an uns selbst um des Dienen willens geschieht, dass wir es tun, um unserem Geliebten und dem Leben in seiner Ganzheit zu dienen. In der Einheit der Liebe gibt es keine Trennung.


Die Arbeit des Mystikers

Wir leben in einer Zeit des Übergangs. Nur zu deutlich können wir um uns herum den Schutt einer Zivilisation im Zerfall sehen, die Verschmutzung und die ökologische Krise, welche unser Überleben gefährdet, die Herrschaft materieller Werte und der kollektiven Gier, das Fehlen wahrer Bedeutung und die Entweihung von so vielem, das heilig ist. Die Welt liegt im Sterben, und sie braucht das Licht Seiner Liebe, um wieder aufzuleben.

Von unserer eigenen Reise her wissen wir, dass eine Zeit der Krise immer auch viele Chancen bietet. Wenn grosse Kräfte aufeinander treffen, tragen sie in sich sowohl das Potential für Wandlung als auch für Zerstörung. Was für unsere individuelle Reise gilt, trifft auch für die Welt zu. Der heftige Zusammenprall von Gegensätzen, von Licht und Dunkelheit, durch den grosses Unheil droht und welcher die Welt zu polarisieren scheint, gehört zu den Geburtswehen einer globalen Transformation. Damit aber diese Transformation erfolgreich sein kann, braucht es unsere Aufmerksamkeit. Es bedarf der Beteiligung jener, die sich dem Dienen verpflichtet haben und deren Bewusstsein auf etwas Grösseres als ihr persönliches Wohlbefinden ausgerichtet werden kann.

In jeder wahrhaftigen Krise gilt es, unsere Aufmerksamkeit über die Ebene von Aktion und Reaktion hinaus dorthin zu lenken, wo wahrhaftige Hilfe und Gnade gegeben werden. Durch unsere Gebete und die Hingabe richten wir uns aus auf die Liebe und die göttliche Kraft, ohne deren Gegenwart wir unseren selbstzerstörerischen Konflikten ausgeliefert sind. Leider neigen wir immer noch dazu, Gebet und Hingabe einzig in einen persönlichen Bezug mit dem Göttlichen zu stellen und dabei die grössere Dimension auszublenden, welche das Wohlbefinden des Ganzen betrifft.

Einzig das Göttliche kann die Welt heilen und transformieren -- die Welt ist Schauplatz von Kräften im Widerstreit, und wir können diese machtvollen Konstellationen nicht aus eigener Kraft beseitigen. Aber das Göttliche braucht unsere Mithilfe: wir sind die Wächter des Planeten. Indem wir mit der Kraft und dem Licht des Göttlichen zusammenarbeiten, können wir dazu beitragen, dass dieser Moment der Krise sich wandelt und eine Zeit der globalen Transformation anbricht. Doch was zeichnet diese Arbeit aus? In unserer männlichen Kultur verstehen wir Arbeit als „tun“ und „aktiv sein“. Einen Raum für das Göttliche zu halten, beruht aber auf der weiblichen Eigenschaft zu „sein“. Indem wir ganz einfach unsere innere Verbindung mit dem Göttlichen leben, verbinden wir die Welten.

Für diese Transformation ist es von zentraler Bedeutung, die äusseren und inneren Welten in Einklang zu bringen. Die missliche Lage, in der wir uns derzeit befinden, rührt daher, dass wir uns in der äusseren physischen Welt so stark abschotten, dass wir die Präsenz der inneren Welten fast gänzlich vergessen haben. Und doch kommen göttliche Gnade und Heilung immer von innen. Jene, die sich dem spirituellen Leben verpflichtet haben, haben sich nach innen gewandt und haben begonnen, durch Meditation, Gebet, Traumarbeit und andere Praktiken, die inneren Welten zurückzugewinnen.

Die Sufis sind bekannt als die “Soldaten zweier Welten”, die in der äusseren, alltäglichen und der inneren Welt leben – äusserlich mit den Menschen, innerlich mit Gott zu sein. Indem wir unseren Alltag mit aufrichtiger Zuwendung leben, bringen wir das Bewusstsein und das Licht der Seele in die äussere Welt. Dies wird in der Sufi Praxis der „Achtsamkeit“ (nigah dasht) beschrieben: Sei immer achtsam, was du denkst und tust, so dass du jedem flüchtigen Augenblick und jeder Begebenheit deines alltäglichen Lebens den Stempel deiner Unsterblichkeit aufdrückst.

Durch die Einfachheit unseres alltäglichen Lebens leisten wir unseren Beitrag; indem wir uns und unserer gelebten Verbindung zu unserem Geliebten treu sind, bringen wir die göttliche Präsenz in eine Welt, die allzu lange schon leidet, weil sie das Göttliche als abwesend erfährt. Indem wir die Welten zusammenbringen, können wir dazu beitragen, dass das Herz der Welt erwachen und die Welt sich transformieren kann.


Zwischen den Welten arbeiten

Die Sufis sind auch geschult, zwischen den Welten zu arbeiten. Zwischen der Ebene der Seele und der physischen Welt der Sinne liegen die Zwischenwelten der Mysterien, die imaginären Welten der Symbole und der archetypischen Bilder. Dies sind die Welten unserer Träume und Wünsche, der Symbole und der heiligen Bilder. Dies ist das alte Reich der Götter. Die Energie aus der Quelle des Lebens fliesst durch diese Zwischenwelten, wo sie allmählich Form annimmt und ein Abbild dessen wird, was im Aussen sein wird. Es sind dies die sinngebenden Welten, und sie bilden das heilige Fundament der äusseren Welt.

Wir sind uns nicht im Klaren darüber, wie sehr wir diese inneren Welten verschmutzt und entheiligt haben. Wir denken, dass die Verschmutzung nur die äussere Welt der Natur betrifft; es ist uns nicht bewusst, dass sich auch in unserer inneren Natur Schutt türmt. Die Psychologie mag uns aufzeigen, wie unser persönliches Unbewusstes überstellt wird mit den abgelehnten und ausgestossen Teilen unserer selbst und wie unsere Abwehrmechanismen uns Schwierigkeiten machen können. Aber es ist uns nicht bewusst, dass dies auch auf einer kollektiven Ebene geschehen ist. Eine Kultur, die mit der symbolischen Welt in kreativem Austausch steht, ermöglicht es der Energie des Lebens, ungehindert zu fliessen, und sie hält die Verbindung zu ihrer natürlichen und göttlichen Quelle aufrecht. In krassem Gegensatz dazu steht unsere Ablehnung und Verleugnung des Heiligen und seiner Werte, insbesondere unsere patriarchale Ablehnung und Unterdrückung des heiligen Weiblichen, der Grossen Mutter, die verheerende innere Auswirkungen gehabt hat. Unsere Verbindung ist so stark beschädigt, dass wir kaum mehr von innen heraus genährt werden können und mehr und mehr auf äussere Stimuli angewiesen sind, um dem Leben Sinn zu geben.

Diese inneren Welten zu betreten und dort zu arbeiten, ist nicht länger ein freudiges Zusammentreffen mit unserer symbolischen und heiligen Natur. Hier tarnen sich die Kräfte der Gier und Herrschaft, deren Wirkung wir in der äusseren Welt beobachten, nicht als wirtschaftlicher Fortschritt, sondern es ist klar ersichtlich, wie sie mit den Nagelschuhen der Ausbeutung in den inneren Welten herum trampeln und die Werte, die wir noch besitzen, alles, was noch heilig ist, zu korrumpieren und zu zerstören versuchen. Es ist eine düstere Welt geworden, und heutzutage werden Menschen oft aus Gier angezogen. Sie benutzen diese Bildwelten und manipulieren deren Bilder, um ihre eigenen Wünsche zu manifestieren und missbrauchen so dieses ursprüngliche „Geheimnis“ aus Eigennutz. Früher arbeiteten Schamanen mit den inneren Welten, um dem Leben einen Nutzen zu bringen. Nun werden ihre Techniken auf den Marktplätzen feilgeboten. Die New Age Bewegung hat grossenteils nur eine neue Ebene von Korruption hervorgebracht, einen entweihten Ort, welchen die Menschen ihrer selbst wegen betreten, um Macht oder persönliches Wohlbefinden zu erlangen.

Die Diener Gottes versuchen, einen Durchgang für das Licht freizuhalten und die Orte der Freude und die heiligen Werte zu bewahren. Sie setzen sich ein, um die innere Welt von den negativen Energien, welche das Fliessen des Lichts der Seele der Welt behindern, zu befreien. Das Licht der Seele der Welt ist das spirituelle Lebensblut des Planeten. Es nährt den spirituellen Körper des Planeten und alles Leben. Es fliesst dorthin, wo es benötigt wird, und schenkt so dem Leben innere Nahrung und Heilung. Aber am Ende dieser patriarchalen Ära kann dieses Licht nicht ungehindert oder direkt fliessen. Es bestehen Blockaden, grosse Ansammlungen von negativer Energie, die seine Bewegungsfreiheit so stark einschränken, dass es nicht fliessen kann. An diesen Orten erkrankt der spirituelle Körper des Lebens, das Leben verliert seine Bedeutung. Durch ihre Praktiken, Gebete und die ethische Lebensweise arbeiten die Diener des Geliebten an jenen Orten und lösen Blockaden auf, bevor diese schlimme Auswirkungen haben. So helfen sie mit, dass das Licht fliessen kann. Sie bringen Licht und Erinnerung an die Orte der Dunkelheit und des Vergessens.


Mit dem Licht der Welt arbeiten

Es gibt auch eine Aufgabe, die von der Ebene des reinen Seins aus gemacht wird. Der Mystiker, der Gott hingegeben ist, ist innerlich gegenwärtig in dieser Dimension von Licht über Licht. Dies ist das Licht der Seele der Welt, die innerste Dimension reinen Lichts, das in jeder Zelle der Schöpfung gegenwärtig ist und doch verborgen, durch Schleier vom alltäglichen Bewusstsein getrennt.

Mystiker sind eine “Brüderschaft von Wanderern, die immer über die Welt und für die Welt wachen”. Indem wir in der inneren Welt arbeiten, kümmern wir uns um das Wohlbefinden der Welt und halten sie ausgerichtet auf die höchsten Prinzipien der Schöpfung, auf die göttliche Liebe und die göttlichen Macht. Wir halten beide Welten im Gleichgewicht. Und in dieser Zeit des Übergangs tragen wir auch dazu bei, das Licht der Seele in die äussere Welt zu bringen, so dass es die anstehende Transformation einleiten kann. Dieses Licht ist das reine Licht Gottes und Seine Essenz in all ihrer Schlichtheit. Einzig und allein dieses Licht kann das Ödland der gegenwärtigen Zivilisation heilen und transformieren und uns aufwecken aus unserem Schlaf, der schon mehr als tausend Jahre dauert. Ohne dieses Licht werden wir in dem selbstdestruktiven Zyklus, in dem wir uns derzeit befinden, eingeschlossen bleiben.

Weil seine Diener sich dem spirituellen Dienen hingegeben haben, haben sie direkten Zugang zu diesem Licht und es ist ihnen gestattet, damit in der Welt zu arbeiten. Sie leben ganz normale Leben und fallen oft nicht auf, aber ihnen ist diese Qualität reinen Seins eigen, diese Essenz der Liebe. Sie weben diese in das Geflecht ihres alltäglichen Lebens und nähren das Gewebe des Lebens mit Seiner Essenz.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt werden all jene, die sich dem Dienen hingegeben haben, miteinander vernetzt. Diese Verbindungen werden teils in den inneren Welten teils in der äusseren Welt geknüpft. Nur wenn wir verbunden sind, können wir uns gegenseitig unterstützen und der Dichte unserer heutigen materialistischen Kultur mit den vorherrschenden Machtdynamiken entschieden entgegentreten. Indem wir zusammenarbeiten, können wir ein Bewusstsein schaffen, das auf Einheit und nicht Uneinigkeit, auf „wir“ vielmehr als auf „ich“ beruht. Gemeinsam können wir das Licht des Göttlichen direkter dorthin lenken, wo es gebraucht wird. Wir können der Welt helfen, aufzuwachen aus dem materialistischen Albtraum, in welchem sie sich gegenwärtig befindet, und zu einem neuen Bewusstsein zu gelangen: dem Bewusstsein der Einheit und der heiligen Natur der gesamten Schöpfung. Das ist die Zukunft, die uns offensteht.

Spirituelle Reife bedeutet inmitten des Lebens zu stehen und dabei dem Licht der Seele im Herzen Raum zu geben und dieses Licht im alltäglichen Leben zu leben. Indem wir, jeder auf seine Weise, zusammenarbeiten, können wir Teil einer wahrhaftigen spirituellen Alchemie sein und miterleben, wie durch unser göttliches Licht das Herz der Welt sich öffnen und die ganze Schöpfung eine globale Transformation erfahren kann – die Wiedergeburt, auf welche sie wartet.