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Die elf Prinzipien des Naqshbandi-Pfades

Die ursprünglich acht Prinzipien stammen von ´Abdul-Khâliq Ghujduwânî (gest. 1220). Bahâ'ud-dîn Naqshband (gest. 1390) erweiterte sie um drei Prinzipien zur endgültigen Fassung.

1. Gewahrsein für den Atem/Gewahrsein für den Augenblick (Hûsh dar dam)

"Jeder Atemzug, der von einem selbst ausgeht, muss mit Achtsamkeit und Geistesgegenwart getan werden, damit der Geist nicht in das Vergessen [Gottes] abschweift."

Bahâ'ud-dîn Naqshband erläutert: "Das Fundament unserer Arbeit ist der Atem. Je mehr man sich des Atems gewahr zu sein vermag, desto stärker ist das innere Leben. Es ist für jeden von größter Wichtigkeit, den Atem zum Zeitpunkt des Einatmens und des Ausatmens zu kontrollieren und sich darüber hinaus des Atems in der Lücke zwischen dem Einatmen und dem Ausatmen bewusst zu sein."

"Sobald der Sucher mit der Übung des Augenblicks (d.h.sich auf den Atem besinnen) befasst ist, zieht er seine Aufmerksamkeit vom Erinnern der Vergangenheit und dem Denken an die Zukunft ab und konzentriert sich auf jeden Atemzug, bis er getan ist."

Sa'd ud-dîn Kâshgarî (gest. 1455) fügt hinzu: "Hûsh dar dam bedeutet, sich so von einem Atemzug zum nächsten zu bewegen, dass dabei keine Unaufmerksamkeit entsteht, sondern vielmehr Gegenwärtigkeit und dass auf diese Weise mit jedem Atemzug, den wir tun, das Erinnern des Wirklichen geschieht."

Shaikh Abu'l-Jannâb Kubra (gest.1220) erklärt in seinem Buch: Fawâ'ih al- jamâl : "Dhikr (das Erinnern Gottes im Atem) strömt im Körper einer jeden lebendigen Kreatur, ausgelöst durch die Notwendigkeit ihres Atems—auch ohne bewusste Absicht—als Zeichen des Gehorsams und als Teil dessen, wozu sie erschaffen worden ist. Mit ihrem Atem wird der Klang des Buchstabens, Ha' des göttlichen Namens Allâh mit jedem Ausatem und Einatem erzeugt, und dies ist ein Zeichen der Unsichtbaren Essenz, das dazu dient, die Einzigkeit Gottes hervorzuheben. Deshalb ist es notwendig, in diesem Atem gegenwärtig zu sein, damit die Essenz des Schöpfers erkannt werden kann."

"Der Name Allâh, der die 99 Namen und Attribute umfasst, besteht aus vier Buchstaben: Alîf, Lam, Lam und Hâ (Allâh). Die Leute des Sufismus sagen, dass die Absolute Unsichtbare Essenz von Allâh, gelobt und gepriesen sei Er, durch den letzten Buchstaben ,h' , durch das Alîf als ,ha' vokalisiert, ausgedrückt wird. Er repräsentiert die Absolute Unsichtbare ,Selbstheit' /Ipseität des Erhabenen Gottes (Ghayb al-Huwîyya al-mutlaqa lillah ´azza wa jall) [in der der Mystiker seine separate Identität mit jedem ,hah' im Atem verliert]. Das erste Lam ist für die Erkennung (ta´rif), und das zweite Lam ist für die Hervorhebung [der Einzigkeit Gottes] (mubalagha)."

Es gibt seit langer Zeit die Auffassung, dass die Seele im Atem enthalten ist. "Die frühen Denker veranschaulichten sich die Seele sinnenhaft als einen Atem-Körper." Sich des Atems bewusst zu sein, lässt uns für die Seele und den inneren Körper, das innere Selbst, bewusst werden, das dem Augenblick angehört.

"Auf dem Pfad der Meister, der Khwâjagân, ist das Gewahrsein des Atems ein äußerst wichtiges Prinzip. Jene, die dem Pfad verpflichtet sind, betrachten es als ein großes Vergehen, die Bewusstheit für den Atem zu verlieren."

 

2. Achte auf deinen Schritt (Nazar bar qadam)

Richte dich immerzu auf dein Ziel aus.

Sa'd ud-dîn Kâshgarî fügt hinzu: "Auf die Schritte zu achten bedeutet, dass der Sucher bei seinem Kommen und Gehen auf seine Füße schaut und auf diese Weise in seiner Aufmerksamkeit nicht abgelenkt wird, was geschähe, würde er das betrachten, was er nicht betrachten soll."—"Wenn die Aufmerksamkeit des Anfängers von Formen und Farben außerhalb seiner selbst vereinnahmt wird, löst sich sein Zustand des Gott-Gedenkens auf, und er findet sich von seinem Ziel getrennt. Das geschieht, weil der Sucher, der gerade beginnt, nicht die Kraft des 'Gedenkens mit dem Herzen' besitzt, so dass sein Herz die Sammlung verliert, sobald sein Blick auf Dinge fällt, und sein Geist zerstreut wird."

Achte auf deinen Schritt kann auch bedeuten, auf die Umstände zu achten, das heißt, zu fühlen, wann der richtige Zeitpunkt zum Handeln und wann der richtige Zeitpunkt zum Nicht-Handeln und wann der richtige Zeitpunkt für eine Pause gekommen ist. Einige sind der Auffassung, dass nazar bar qadam ein Ausdruck ist, der sich auf die einem natürlich innewohnende Weisheit bezieht.

Fakhr ud-dîn Kashifi ergänzt: "Nazar bar qadam ist unter Umständen eine Anspielung auf die Reise des Suchers durch die Stationen seines Loslösens von der Existenz und seines Zurücklassens der Eigenliebe."

"Von diesen drei Auslegungen des Aphorismus bezieht sich die erste auf die Anwendung durch den Anfänger, die zweite ist für solche gedacht, die auf dem Pfad zur Mitte vorangeschritten sind, und die dritte für diejenigen, die dabei sind, das Ziel zu erreichen."

 

3. Die Reise heimwärts (Safar dar watan)

Deine Reise führt nach Hause. Vergiss nicht, dass du von einer Welt der Illusion zu einer Welt der Wirklichkeit reist. Der Wanderer reist von der Welt der Schöpfung zur Welt des Schöpfers.

Die Reise heimwärts ist die Transformation, die den Menschen aus seinem subjektiven Traumzustand herausführt, damit er fähig wird, seine göttliche Bestimmung zu erfüllen.

Aus dem Rashahât 'ayn al-Hayât: " [Die Reise heimwärts bezieht sich auf ] das Reisen, das der Sucher im Innern seiner menschlichen Natur macht. Mit anderen Worten, man reist von den menschlichen Eigenschaften zu den Eigenschaften der Engel, man entwickelt sich von den tadelnswerten Eigenschaften zu den lobenswerten."

Shaikh Ahmad Sirhindî (gest. 1624) sagt: "Dieser gesegnete Ausdruck [in der Heimat reisen] bedeutet, innerhalb des Selbst zu reisen. Der Ursprung ihrer Ergebnisse liegt darin, dass das Ende [die letzte Übung ] an den Anfang gesetzt wird, was eines der Charakteristika des Naqshbandi-Pfades ist. Und obwohl dieses [innere] Reisen auch in anderen tarîqas zu finden ist, kennt man es dort nur am Ende nach der ,Reise zu den Horizonten' [was sich auf den Qur'ân-Vers 41:53 bezieht: ,Zeigen werden Wir ihnen Unsere Zeichen in den Horizonten und in ihnen selber, bis es ihnen deutlich wird, dass Er das Wirkliche ist.']

Dieses Reisen innerhalb von einem selbst heißt, sich selber zu beobachten, sich und die eigenen Reaktionen zu untersuchen und zu sehen, wie sie sich auf einen auswirken.

Das zeigt, welches Gewicht der Naqshbandi-Pfad auf die inneren Stadien, Zustände und Prozesse legt.

 

4. Einsamkeit in der Menge (Khalwat dar anjuman)

Es gibt zwei Arten der Einkehr. Die eine ist die äußere Form, bei der der Sucher, abseits von den Menschen, allein in seiner Zelle sitzt, bis er mit der spirituellen Welt in Verbindung gelangt. Das entsteht dadurch, dass sich dabei die äußeren Sinne zurückziehen und sich die inneren Sinne zu den Zeichen aus der spirituellen Welt weiten.

Die zweite Einkehr ist eine verborgene, bei der der Sucher innerlich die Geheimnisse des Wirklichen erfährt, während er außen von Leuten umgeben ist. Khalwat dar anjuman gehört zu dieser zweiten Art von Rückzug: äußerlich bei den Menschen sein, innerlich bei Gott.

Bei all unseren äußeren Aktivitäten bleiben wir innerlich frei. Lerne, dich mit nichts, was immer es auch sei, zu identifizieren.

Khwâja Awlîyâ Kabir, einer der Stellvertreter von 'Abdul-Khâliq Ghujduwânî, erklärt Khalwat dar anjuman wie folgt: "Einkehr in der Menge ist der Zustand, wenn man andauernd und vollständig in der Erinnerung Gottes eingetaucht ist, so dass ,man über den Marktplatz gehen kann, ohne ein Wort zu hören'."

"Sie sind mit ihrem Herrn und gleichzeitig sind sie mit den Leuten. Wie der Prophet sagt: "Ich habe zwei Gesichter: das eine schaut zu meinem Schöpfer, und das andere schaut auf die Schöpfung."

'Abdul-Khaliq Ghujduwânî selbst war bekannt für seinen Ausspruch: "Schließt die Tür der Förmlichkeit der Shaikhschaft, öffnet die Tür der Freundschaft. Schließt die Tür des khalwat (Einkehr in der Abgeschiedenheit) und öffnet die Tür des suhbat (Zusammensein)." Bahâ'ud-dîn Naqshband sagt in diesem Zusammenhang: "Unser Pfad ist im Zusammensein. Mit der körperlichen Einkehr entsteht Ruhm, und mit dem Ruhm kommt Unglück. Unser Wohl liegt in der Zusammenkunft und der darin liegenden Begleitung, unter der Bedingung, dass einer den anderen in der Ich-Abkehr unterstützt."

"Als Bahâ'ud-dîn Naqshband auf seiner Reise nach Mekka Herat erreichte, arrangierte der Amir Hussein ihm zu Ehren eine Zusammenkunft. In der Versammlung fragte ihn der Amir: ,Da in Eurer Anwesenheit weder ein hörbarer dhikr noch ein Umhergehen noch das Spielen spezieller Musik oder das Rezitieren von Dichtung stattfindet, was ist dann Euer Pfad?' Er antwortete ,Die reinen Worte der Linie von 'Abdul-Khâliq Ghujduwânî, die da lauten: ,Einkehr in der Menge'. Diesem Weg folgen wir.'—,Was ist Einkehr in der Menge?' wollte der Amir wissen. ,Äußerlich bei den Menschen sein und innerlich mit Gott', antwortete Naqshband. Der Amir zeigte Erstaunen und fragte, ob das auch wirklich möglich sei. Bahâ'ud-dîn entgegnete, dass Gott der Allerhöchste, wenn das nicht möglich wäre, nicht durch einen Vers im Qur'ân darauf hingewiesen hätte, der jene beschreibt, die nicht einmal auf dem Marktplatz von dem Gott-Gedenken abgelenkt wären. ,Menschen, die weder Handel noch Gewinn abhält von dem Gedanken an Allâh [24:37] Das ist der Weg des Naqshbandi-Ordens.

Ahmad Faruqi Sirhindî, der den Beinamen mujaddid-i-alf-i-thâni (der Erneuerer des zweiten Jahrtausends) erhielt, sagte: "Einkehr in der Menge leitet sich ab von der Reise heimwärts, denn wenn das Reisen in der Heimat richtig ausgeführt worden ist, geschieht die Einkehr in der Menge auf richtige Weise von selbst. Der Sucher reist inmitten der Verschiedenheit der Menge in seinem eigenen Land, und die Mannigfaltigkeit der Horizonte findet keinen Eingang in die Meditationszelle seines inneren Selbst. Dieser Schatz wird sich am Anfang nur unter Schwierigkeiten offenbaren und ohne Mühe am Ende. Und in dieser tarîqa ist das die Mitgift des Anfangs, während das auf anderen Pfaden erst am Ende kommt. Der Grund dafür ist, dass sich der Schatz vom Reisen innerhalb des Selbst (mit dem Gegenwärtigsein im Augenblick) ableitet, das bei diesem Pfad am Beginn steht, während das Reisen an den Horizonten gleichzeitig stattfindet. Das ist im Gegensatz zu anderen Pfaden, die das Reisen an den Horizonten an den Anfang und das Reisen innerhalb des Selbst an das Ende stellen."

Mit den Worten von al-Kharrâz (gest. 890 od. 899): "Vollkommenheit ist keine Zurschaustellung von Wunderkräften, sondern Vollkommenheit bedeutet, mitten unter den Leuten zu sitzen, zu kaufen und zu verkaufen, zu heiraten und Kinder zu haben. Jedoch darf dabei die Gegenwart Allâhs nicht für einen Augenblick verlassen werden."

Im Innern in beständiger Kommunion mit dem Geliebten
Der Welt gegenüber ein Fremder.
Menschen mit solcher Schönheit ausgestattet
Sind wirklich selten
In dieser Welt.

 

5. Erinnern (Yâd kard)

Konzentration auf die Göttliche Gegenwart.

Die Naqshbandiyya praktiziert das Erinnern im stillen dhikr.

Halte Gott, den Geliebten, immer in deinem Herzen. Lass dein Gebet, dhikr, das Gebet deines Herzens sein.

Nach Khwâja 'Ubaidullâh Ahrâr (gest. 1490) ist "die wahre Bedeutung des dhikr ein innerliches Gewahrwerden Gottes. Das Ziel des dhikr ist, dieses Bewusstsein zu erreichen." Durch den dhikr soll das Herz und die Achtsamkeit in Liebe und Hingabe völlig auf den Geliebten ausgerichtet werden.

Der dhikr wird nicht einfach nur als Worte wiederholt, sondern geschieht im Herzen.

Das Erinnern mit der Zunge wird zum Erinnern mit dem Herzen. 'Abdul-Qâdir al-Gîlânî (gest. 1166) sagt: "Auf der ersten Stufe rezitiert man den Namen Gottes mit der Zunge, dann, wenn das Herz lebendig wird, rezitiert man innerlich. Am Anfang sollte man das, was man gedenkt, in Worten aussprechen. Später breitet sich dann, Stufe für Stufe, das Gedenken von innen her durch das ganze Wesen aus—es steigt zum Herzen hinab, erhebt sich dann zur Seele, daraufhin zum Reich der Geheimnisse und weiter zu dem Verborgenen und zu dem Allerverborgensten."

 

6. Rückkehr (von der Ablenkung), zurück gehen (Bâz gasht)

Reise in eine Richtung. Die Rückkehr zu Gott. Das zielstrebige Trachten nach der göttlichen Wahrheit.

Das bedeutet, jeden Gedanken, ob gut oder schlecht, der während des dhikr unwillkürlich im Bewusstsein auftaucht, zu vertreiben und aufzulösen. Beim Durchführen der Erinnerung ist es erforderlich, dass das Herz die ruhige Zufriedenheit von "O Allah, mein Ziel bist Du und Dein Gefallen [an mir], nichts sonst!" erreicht. Solange wie im Herzen noch Raum für andere Interessen ist, kann sich solche gleichmütige Zufriedenheit nicht herausbilden und das Erinnern kann nicht wahrhaftig sein. Auch wenn diese innere Ruhe zu Beginn nicht erreicht wird, darf man jedoch nicht vom Erinnern ablassen, und es ist notwendig, damit fortzufahren, bis dieses Gefühl erlangt wird.

Die Bedeutung von bâz gasht ist die Rückkehr zu Allâh, dem Gepriesenen und Allmächtigen, indem man völlige Hingabe und Unterwerfung unter Seinen Willen zeigt und völlige Bescheidenheit, indem man Ihm all das Ihm gebührende Lob schenkt. Der Grund, weshalb der Heilige Prophet in seiner Anrufung sagt: ‚ma dhakarnaka aqqa dhikrika ya Madhkar ('Wir gedenken Deiner nicht, wie Du verdienst, dass Deiner gedacht wird, o Allâh') ist, dass der Sucher in seinem dhikr nicht in die Gegenwart Allâhs kommen und in seinem dhikr nicht die Geheimnisse und Attribute Allâhs manifestieren kann, wenn er den dhikr nicht mit Allâhs Hilfe und Allâhs Gedenken an ihn macht. Wie Bâyezîd Bistâmî (gest. 874) sagt: "Als ich Ihn erreichte, sah ich, dass Gott meiner gedacht hatte, bevor ich Gottes gedacht habe." Der Sucher kann den dhikr nicht aus sich heraus tun. Er muss erkennen, dass Allâh der ist, der den dhikr durch ihn macht.

"Geliebter, Du und Deine Zustimmung sind mein Ziel und mein Sehnen" Diese Haltung befreit einen von unreinen Gedanken und von Ablenkungen. Sie gehört zum Pfad der Auslöschung. Einst sorgte sich ein Sufi, dass er nicht ernsthaft genug war und schämte sich dessen. Da nahm ihn sein shaikh zu einem Sufi, der auf dem Pfad der Auslöschung war, und dieser shaikh sagte ihm, dass die Auslöschung und nicht Haarspalterei ihn von seinem Problem befreien würde. Der Sucher erkannte, dass er sich bei all seinem Sorgen über seine Unredlichkeit und Scham und mit seinem Wollen und seinen Bedürfnissen auf sich selbst konzentriert und sich auf die Weise von seinem Geliebten getrennt hatte.

Nach Khwâja ’Ubaidullâh Ahrâr ist mit dem Begriff "Rückkehr" gemeint, dass wir in uns ein Ziel für unser Streben haben. Die Samen der Transformation sind vom Himmel in uns gelegt worden, und wir müssen sie so schätzen, dass sie den Vorrang vor allem anderen Besitz haben.

 

7. Wachsamkeit (Nigâh dâsht)

Ringe mit allen unerwünschten Gedanken. Achte immer darauf, was du denkst und was du tust, damit du jedem noch so flüchtigen Moment und Ereignis in deinem Alltag den Stempel deiner Unsterblichkeit aufprägen kannst.

Sei wachsam. Sei dir bewusst, was deine Aufmerksamkeit anzieht. Lerne deine Aufmerksamkeit von unerwünschten Dingen abzuziehen. Das wird auch folgendermaßen ausgedrückt: "Sei wachsam im Denken und erinnere dich deiner selbst."

Nigâh bedeutet "Sicht, Sehvermögen". Das heißt, der Sucher muss auf sein Herz Obacht geben und es davor bewahren, dass schlechte Gedanken hineinkommen. Schlechte Neigungen halten das Herz davon ab, sich mit dem Göttlichen zu verbinden.

In der Naqshbandiyya räumt man ein, dass es für einen Sucher bereits eine große Leistung ist, sein Herz für eine Viertelstunde vor schlechten Angewohnheiten zu bewahren. Dafür würde er schon als wahrer Sufi angesehen werden. Sufismus ist die Kraft, das Herz vor schlechten Gedanken zu bewahren und niedere Neigungen abzuwehren. Wer diese zwei Ziele erreicht hat, wird sein Herz kennen, und wer sein Herz kennt, wird seinen Herrn kennen. Der Heilige Prophet sagt: "Wer sich selbst kennt, kennt seinen Herrn."

Sa'd ud-dîn Kâshgarî sagt: "Der Sucher muss für eine Stunde oder zwei oder wie lange er dazu imstande ist, seinen Geist wachsam hüten und Acht geben, keine anderen Gedanken [als den an Gott] hineinzulassen." Eine andere Beschreibung aus dem Munahej ul-Sair formuliert das so: "[Nigâh dâsht ist das] Beibehalten eines bestimmten Gewahrseins und einer Gegenwärtigkeit, die dem edlen dhikr entspringt, auf dass nichts anderes als das Gedenken des Wirklichen seinen Weg in das Herz/den Geist findet."

Andere wiederum schreiben dass nigâh dâsht auch während des dhikr anzuwenden ist: "Nigâh dâsht ist, wenn der Sucher für die Zeit des dhikr sein Herz/ seinen Geist auf die Bedeutung von LA ILAHA ILLA'LLAH ausrichtet, so dass keine Gedanken Eingang in sein Herz finden, denn wenn Gedanken im Geist sind, wird sich das Ergebnis des dhikr, womit die Gegenwart des Herzens/Geistes gemeint ist, nicht zeigen." Es heißt auch: "Nigâh dâsht ist ein Ausdruck, der dafür steht, dem Aufkommen von Gedanken vorzubeugen, während man mit [Wiederholen] des wohlduftenden Satzes LA ILHA ILLA'LLAH beschäftigt ist."

'Abdul Majid Il Khani meint, das Herz/den Geist vor einströmenden Gedanken zu bewahren, bedeutet, dass sie des Geistes nicht habhaft werden können. 'Ubaidullah Ahrâr sagt dazu: "Die Bedeutung, den Geist [vor Gedanken] zu bewahren, heißt nicht, dass der Sucher zu Beginn [seiner Bemühungen] Gedanken vermeiden kann, sondern vielmehr, dass die Gedanken nicht die [für den dhikr erforderliche] innere Anwesenheit und Gegenwart stören.

[Gedanken] können mit Stroh verglichen werden, das auf das dahinfließende Wasser gefallen ist und doch das Wasser nicht von seinem Lauf abbringt. 'Abdul-Khâliq Ghujduwânî sagt: Es ist nicht so, dass nie Gedanken in das Herz/den Geist gelangen, sondern zu Zeiten tun sie es und dann wieder nicht." Seine Erläuterung wird von Khwâja 'Ala'uddîn al'Attar unterstützt, der berichtet: "Die Gedanken zu besiegen ist schwierig, wenn nicht unmöglich. Ich habe mein Herz zwanzig Jahre lang vor Gedanken bewahrt, wobei sie immer noch kommen, aber sie finden dort keinen Halt."

 

8. Andauerndes Erinnern/ fortwährende Anrufung (Yâd dâsht)

Ständige Bewusstheit in der Gegenwart Gottes. "Die vollständige Erfahrung der göttlichen Kontemplation, erreicht durch die Wirkung der objektiven Liebe".

Diejenigen, die auf dem Pfad sind, behaupten, man habe diese innere Achtsamkeit erreicht, wenn im Umgang mit der Welt die innere Liebe ständig gegenwärtig ist.

"Das ist das letzte Stadium vor der Vollendung der Umwandlung. Der Sucher wird sich bewusst, dass der Verlust seines "Ich/Selbst" durch die objektive Liebe ausgeglichen wird. Die Aufgabe des Ich/Selbst, die zu dieser Stufe führt, berührt den Sucher nicht länger, denn er entdeckt die grenzenlose Freude, die Wahrheit mit sich bringt".

"Yâd dâsht bezieht sich auf die Dauerhaftigkeit der Bewusstheit des Wirklichen auf der Straße des "Schmeckens" (in der Vielfalt der Illusion zu leben). Im Rashahât'ayn al-Hayât steht: "Einige haben erklärt, dass dies ein Wahrnehmen/Erfahren darstellt, das das Erfahren des Wirklichen im Herzen mittels der essentiellen Liebe übertrifft."

'Ubaidullâh Ahrâr sagt: "Yâd dâsht ist ein Ausdruck, der die Dauerhaftigkeit der Bewusstheit des Wunderbaren Wirklichen meint." Er fährt fort: "Er bedeutet Gegenwart [mit Gott] ohne Verschwinden."

Was den Ausdruck auf die Zeit des dhikr bezogen betrifft, heißt es dazu: "Yâd dâsht ist das, was der dhakir (Person, die den dhikr praktiziert) während des dhikr [die volle Bedeutung der Negation und Affirmation des Lâ ilâha illâ Allâh] in seinem Herzen in der Gegenwart des Genannten aufrecht erhält."

Khwâja Ahrâr hat die Prinzipien fünf bis acht als so aufeinander folgend beschrieben: "Yâd kard (Erinnern) bezieht sich auf die Arbeit des Anrufens/Erinnerns. Bâz gasht (Rückkehr bedeutet, sich in der Art an das Höchste Wirkliche zu wenden, dass der Sucher, wenn er den wohlduftenden Satz des dhikr sagt, diesen in seinem Herzen mit ,Gott ist mein wahres Ziel' begleitet, und nigâh dâsht (Wachsamkeit) ist das Beibehalten dieser Hinwendung [zu dem Wirklichen] ohne Worte. Yâd dâsht(fortwährendes Erinnern) heißt Beständigkeit/Festigkeit in [dem Beibehalten] von nigâh dâsht (Wachsamkeit)."

 

9. Gewahrsein des eigenen Geisteszustandes/ seiner Zustände in der Zeit (Wuqûf-i-zamâní)

Im wuqûf-i-zamaní bleibt sich der Sucher ständig seiner wechselnden Zustände bewusst. Bahâ'ud-din Naqshband erklärt: "Wuqûf-i-zamaní ist die Arbeit des Reisenden auf dem Pfad: sich seines Zustandes gewahr zu sein und zu wissen, ob dieser Anlass gibt zum Dank oder zur Reue—zu danken, während man in spirituellem Glücksempfinden ist, und zu bereuen, während man spirituell trocken oder im Zustand des Gepresstwerdens ist."

Er erklärt auch: "Das Fundament für die Arbeit des Suchers liegt in dem Gewahrsein der Zeit [während der Übung], indem in jedem Augenblick gesehen wird, ob der Wahrnehmer der Atemzüge [beim Atmen] in der Gegenwart oder im Vergessen ist."

Das heißt, dass man sich Rechenschaft gibt über seine veränderlichen Zustände. Die Gegenwart, huzûr wird von der Abwesenheit, ghaflat unterschieden. Bahâ'ud-dîn beschreibt das als "Selbstbeherrschung" oder "Achtsamkeit". Er fügt hinzu, man müsse immer dankbar sein, wenn man zu einem Zustand der Gegenwart zurückkehre.

Mawlânâ Ya'qûb Charkhî schreibt in seiner Erklärung der Namen Allâhs: "Khwâja [Naqshband] unterwies, dass man in dem Zustand von qabz, des Gepresstwerdens, Gottes Verzeihen suchen soll, während man im Zustand von bast, der Ausdehnung, Dank sagen soll. Die genaue Beobachtung dieser zwei Zustände stellen das wuqûf-i-zamaní dar." Wuqûf-i-zamaní des Naqshbandi-Pfades ist vergleichbar mit dem Begriff "muhâsaba (das Beobachten der feinsten Regungen der Seele und des Herzens), der von anderen Sufis gebraucht wird.

Jamî (gest. 1492) sagt im Risâla-i-nuria: "Wuqûf-i-zamaní ist ein (Ausdruck dafür, dass man sich Rechenschaft gibt über die Zeit, die man in [einem Zustand] der Zerstreuung (tafriqah) oder des Gesammeltseins (jam'iyyat) verbringt."

 

10. Gewahrsein der Zahl (Wuqûf-i-adadí)

Ein Begriff, der das Beobachten der Anzahl der gemachten individuellen Wiederholungen des dhikr meint. Jamî sagt dazu: "Wuqûf-i-adadí ist das Beobachten der Anzahl der dhikrs und ob dieses [Beobachten] Erfolg bringt oder nicht. Bei Bahâ'ud-dîn Naqshband heißt es: "Das Beobachten der Zahl der Wiederholungen des dhikr des Herzens dient dazu, Gedanken/mentale Aktivitäten, die zerstreut sind, zu sammeln"

Khwâja 'Alâ'ud-dîn al-'Attar (gest. 1400) erklärt: "Das Wichtige dabei ist nicht so sehr, wie oft man den dhikr wiederholt, von Bedeutung ist vielmehr die Sammlung und das Gewahrsein mit denen man ihn tut."

Bahâ'ud-dîn Naqshband schreibt auch, dass dieses Gewahrsein das erste Stadium des Eindringens in die spirituelle Welt ist. Das kann auch heißen, dass es für Anfänger eventuell hilfreich ist, über die Leistungen und Bewusstseinszustände derer zu lesen, die Fortgeschrittene in dieser Praxis sind. Denn indem man über den Zustand der Nähe liest, den ein anderer erlebt hat, erlangt man eine gewisse Qualität von innerer Inspiration.

Fortgeschrittenen Schülern bringt diese Methode, die die Anfangsstadien des Erwerbs innerer Intuition und Inspiration fördert, ein Bewusstsein für die Einheit der Vielfalt.

Diese Vielfalt und dieses Vermehren ist nur Äußerlichkeit,
Der Eine tritt in all dem in Erscheinung.

Vielfalt ist, schaut man mit offenen Augen, nichts als nur Einheit. Für uns gibt es keine Zweifel, auch wenn sie in manchen Köpfen sein mögen. Zeigt sich das äußere Erscheinen auch in Vielzahl, ist die Substanz doch stets nur eins.

(Es soll angemerkt werden, dass die innere Inspiration, dieses Verstehen, das den Praktizierenden und die Menschen auf dem Pfad näher an die höheren Lehren heranbringt, durch göttliche Gnade zustande kommt und nicht auf Entdeckungen des Verstandes beruht. "Wissen kommt von Gnade. Der Unterschied zwischen göttlicher Inspiration und göttlichem Wissen ist, dass göttliches Wissen dem Verinnerlichen des Lichts der Essenz und der göttlichen Attribute entspringt, während göttliche Inspiration durch die Empfänglichkeit für innere Bedeutungen und solche Arten der Unterrichtung kommt, die sich im Innern des Praktizierenden offenbaren.")

 

11. Gewahrsein des Herzens (Wuqûf-i-qalbí)

Das Herz wird sich Gottes bewusst. Das kennzeichnet das Erwachen der göttlichen Liebe. Der Mensch wird sich dann gewahr, dass seine Existenz ein Hindernis für seine endgültige Umwandlung darstellt und fürchtet sich nicht länger, sie zu opfern, weil er selbst einsieht, dass er unendlich viel mehr gewinnt als er zu verlieren hat.

Für wuqûf-i-qalbí sind zweierlei Bedeutungen beschrieben worden. Die eine lautet, dass das Herz des Suchers während des dhikr bewusst ist und im Gewahrsein des Wirklichen. Zu diesem Punkt sagt Khwâja 'Ubaidullâh Ahrâr: "Wuqûf-i-qalbí ist ein Ausdruck für eine Bewusstheit und Präsenz des Herzens auf das Allerhöchste Wirkliche hin, die in solch einer Weise gefühlt werden, dass das Herz kein Bedürfnis nach etwas empfindet außer nach dem Wirklichen." Diese Bedeutung ist der von yâd dâsht ähnlich.

Herz-Bewusstsein heißt, dass das Herz in dem Geliebten ruht, so als ob es nichts und niemand sonst gäbe.

Die andere Bedeutung ist, dass es ein Gewahrsein des Herzens selbst gibt. Mit anderen Worten: Der Sucher ist für die Zeit des dhikr wachsam für das konusförmige Herz, dass der "Sitz des Subtilen" ist, und hindert es daran, während des Rezitierens des dhikr unachtsam zu werden.

Bahâ'ud-dîn Naqshband hat es nicht als notwendig angesehen, den Atem während des dhikr anzuhalten, wie es in einigen tarîqas praktiziert wird, auch wenn er der Auffassung war, dass diese Praxis von Nutzen ist. Er hielt auch wuqûf-i zamaní und wuqûf-i-adadí nicht für absolut wesentlich. Aber nach dem Qodsîyyah betrachtete er "das Einhalten des wuqûf-i-qalbí als das Wichtigste und Notwendigste, denn es ist die Zusammenfassung und die Essenz der Intention des dhikr."

Sitz wachsam wie eine Vogelmutter in Hoffnung auf dem Ei deines Herzens.
Denn aus dem Ei wird deine Trunkenheit entspringen—Selbstverlorenes tosendes Lachen und deine endgültige Vereinigung.


Die Ausführungen über die elf Prinzipien sind aus verschiedensten Quellen zusammengestellt, darunter:

· Introduction to the Qodsîyyah (Heilige Aussprüche von Bahâ'ud-dîn Naqshband). Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Ahmad Tâhirî 'Irâqí. Teheran. 1975.
· Molana Fakhreddin Vaaez Kashefi: Rashahat-i-ein-ol-Hayat (Tropfen aus dem Lebenswasser), Band 1, Nuryani Charitable Foundation, Teheran 1977.
· Hasan Shushud. Masters of Wisdom of Central Asia,. Moorcote, Yorskshire: Coombe Springs Press, 1983.
·J.G. Bennett: Die Meister der Weisheit.Verlag Bruno Martin, Südergellersen, 1993 (vergriffen).